Weshalb Parkour die bessere Selbstverteidigung ist

Die Illusion

Ich hatte über 4 Jahre Selbstverteidigungsunterricht bei einem begnadeten Trainer. Dieser hatte seine Fähigkeiten in realen Situationen als Türsteher, Bodyguard und während seiner vielen Jahre bei der Bundeswehr unter Beweis stellen müssen. Er hatte tatsächlich schon eine Waffe am Kopf und mehrere Messer in Schulter und im Arm. Da er die logische Meinung vertrat, man wird nur von jemandem angegriffen, der sich überlegen fühlt, musste ich mich schon als kleiner Pimpf gegen einen ausgewachsenen 120kg Mann verteidigen. Dies habe ich auch regelmäßig im Training geschafft. Und holla die Waldfee fühlte ich mich dadurch gut. 

Ich kann mich aber genau daran erinnern, als wir in einem Training eine Verteidigung gegen einen Würgeangriff gedrillt hatten. Nach einer halben Stunde mit meinem Trainingspartner kam völlig unerwartet mein Trainer von hinten, brüllte mich wie wahnsinnig an und würgte mich. Dabei schob er mich solange, bis ich mit dem Rücken an der Wand stand. Endstation. Meine Reaktion? Nicht existent. Ich war völlig perplex. Ich konnte nicht reagieren. Dabei hätte ich nur genau die Technik anwenden müssen, die ich seit einer halben Stunde pausenlos übte. Selbst nach dem Auflösen der Situation durch ihn war ich immer noch wie versteinert.

Mit der Zeit merkte ich, dass die Selbstverteidigung nicht mein Weg sein wird. Ich habe die Kampfkünste immer betrieben, weil sie mir Spaß machten. Blaue Flecken und Verletzungen - bis zu einem gewissen Grad - waren im Sparring normal. Damit hatte ich keine Probleme. Schmerzen und zusätzliche Angst machen aber keinen Spaß. Um mich im Ernstfall effektiv verteidigen zu können, hätte ich mich häufig Situationen aussetzen müssen, die nach keiner schönen Freizeitbeschäftigung klangen.  

Mein Trainer wusste damals was effektiv und nötig war, um jemanden wirklich vorzubereiten. Nur rannten ihm leider nach und nach die Schüler weg - da wir es nicht wahrhaben wollten. Die meisten Leute wollen die Illusion. Sie möchten in einer Kampfkunst ausgebildet werden, ohne zu kämpfen. Es soll zwar gefährlich aussehen, aber nicht wehtun.

Die Realität 

Kampfsport ist oft durch die Regelwerke alles andere als realitätsnah. Welche Angriffe sind im Straßenkampf besonders effektiv? Kratzen, Beißen, Haareziehen und Weichteile bearbeiten.... Aus diesem Grund sind auch in praktisch allen Kampfsportarten genau diese Dinge verboten. Was wird im Kampfsport trainiert? Die meisten traditionellen Kampfkünste trainieren kurz vor dem Ziel zu stoppen. Gerade diese behaupten den einen, vernichtenden Schlag zu trainieren. Andere Kampfkünste erlauben nur Leichtkontakt und erinnern an Afrikanische Tänze. Die Vollkontakt-Sportarten haben begrenzte Zielflächen und Angriffsmöglichkeiten. Gerade die härtesten Typen aus den Kampfkünsten, die ich kennengelernt habe, trainieren meistens nur den Formenlauf und standen noch nie im Ring. 

Taekwondo ist im Wettkampf anders als die meisten Kampfkünste. Deshalb habe ich mich dazu hingezogen gefühlt. Genauso trainiere ich auch immer wieder einiges aus dem Shaolin Kungfu - aus ästhetischen Gründen. Die Bewegungen sind hübsch und verlangen viel Beweglichkeit und Dynamik. Das liegt mir. Es wäre aber eine Illusion zu glauben, dass ich mich damit verteidigen könnte. Ich könnte zwar theoretisch problemlos einem 2,30m Typen den Kopf mit einem gedreht gesprungenen Tritt bearbeiten, in der Praxis lässt dies aber keine meiner Alltagshosen zu und ein Verfehlen oder das Fangen meines Beines würden mich ausliefern. Deshalb ziehe ich dies gar nicht erst in Erwägung. 

 Quelle: Rollingstone.com

Quelle: Rollingstone.com

Natürlich wird sich jemand, der lange Zeit Kampfsport trainiert hat, besser schlagen als jemand Ungeübtes. Gerade Boxen, Muay Thai oder MMA wird einen gelehrt haben, viel einstecken zu können und richtig zuzuschlagen, weshalb viele nach einem Probetraining genug davon haben. Andere Systeme wie Krav Maga werden durch häufiges Szenariotraining wahrscheinlich auch einigermaßen die Gedanken für den Ernstfall vorbereitet haben. Der gefährlichste Schläger ist jedoch der mit viel Straßenerfahrung. Er kennt nur die eigenen Regeln und weiß, wie man zuschlagen muss, damit es wehtut.

Ich finde es ja gut, dass Selbstverteidigung trainiert wird, aber dann bitte mit offenen Karten und ehrlich. Viel zu oft sieht man leider "Meister" mit übersteuerten Egos. Wenn auf Seminaren und Workshops beigebracht wird, wie man sich am besten gegen eine scharfe Pistole wehren soll, kann ich immer wieder nur den Kopf schütteln. Polizisten kann man so etwas ja beibringen, aber bitte ermutigt Anfänger (und das sind in der Selbstverteidigung praktisch alle) nicht dazu, im Ernstfall so etwas Gefährliches zu tun. Was ich machen würde, wenn mich jemand mit einer Waffe bedroht? Genau zuhören und das tun, was derjenige verlangt. Selbstverteidigung wird schon mit vorgegebenen Angriffen und einem kooperativen Partner trainiert. Man muss es nicht auch noch mit völlig absurden Techniken und Szenarien koppeln. Das folgende Video treibt dies wohl auf die Spitze.

Gesunder Menschenverstand ist die Grundvoraussetzung für eine effektive Selbstverteidigung - bitte nicht nachmachen

Kampfkunst/-Sport ist ein tolles Mittel, um Selbstvertrauen aufzubauen und komplexe Bewegungen zu trainieren. Bevor man aus Fitnessgründen zu Gewichten greift, sollte man erst sein eigenes Körpergewicht unter Kontrolle bekommen. Die Künste sollten aber auch als das verstanden werden, was sie heutzutage meistens sind - ein Sport. Ein vollständigeres Programm erhält man nur beim Turnen. 

Verwandter Artikel: Superhelden unter Sportlern

Was ist Selbstverteidigung?

"Wenn dich jemand ernsthaft schlagen will, wirst du den ersten Schlag fangen - mit dem Gesicht - immer"... pflegte mein Trainer zu sagen. Ohne Spidermans Spinnensinn hat man einfach keine Chance zu reagieren, wenn ein unerwarteter Angriff anfliegt.

Deshalb beginnt Selbstverteidigung nicht erst mit dem körperlichen Angriff des Gegners. Der beste Kampf ist der, den man nicht kämpfen muss. Mein besagter Trainer wiederholte immer: "Wenn dich jemand anmacht, entschuldige dich bei ihm und lade ihn auf ein Bier ein."

image.jpg

Die eigentliche Selbstverteidigung liegt in der Deeskalation. Die Kunst liegt darin, die Situation zu entschärfen, bevor irgendjemand körperlich wird. Dies kann nur durch Charakterbildung erreicht werden.

Wenn man lange genug eine Kampfkunst betrieben hat, wird man merken, dass man sie nicht mehr trainiert, um andere zu bekämpfen. Der eigentliche Kampf findet gegen sich selbst statt. 

Was hat das alles mit Parkour zu tun?

Zuerst das Offensichtliche. Der Angreifer wird immer größer und stärker sein als du. Punkt. Distanzkontrolle ist einer der wichtigsten Aspekte in jedem Kampf. Wenn ich schneller laufen kann als mein Gegenüber, brauche ich kein Glück, um in Sicherheit zu gelangen. Schonmal jemanden quer durch eine Gartenanlage gejagt? Viel Spaß ;-) 

Richtige Combat Spezialisten sind Tiere. Warum sollte ich in ihre Armreichweite wollen? Um sie zu Boden zu bringen? Lächerlich. Sie bekommen aber oft die Arme nicht mehr an Oberkörper und sind so beweglich wie eine Litfaßsäule. Diese Schwachstelle kann ich gut nutzen. Deshalb muss ich schneller sein.

Ich verspreche, dass der Hundertmetersprint mit anschließender Mauerüberwindung in den meisten Fällen besser funktionieren wird, als eine gesprungene Beinschere mit anschließendem Armhebel.

Die körperlichen Ansprüche, die Parkour erfordert, sind oftmals höher als in den "Ein-Schlag-Tod-Kampfkünsten". Körperliche Fitness hat meiner Meinung nach einen größeren Selbstverteidigungswert als Armhebel.

image.jpg

Parkour ist außerdem aufrichtig. Die Mauer wird nicht plötzlich weicher, nur weil wir gerade im Training sind. Der Abstand des Sprungs wird nicht kleiner, nur weil ich heute schlecht geschlafen habe.

Im Parkour müssen immer wieder neue Hindernisse überwunden werden. Steht man das erste Mal vor einer hohen Mauer, scheint diese unüberwindbar zu sein. Mit viel Arbeit bezwingt man diese dann irgendwann doch. Am Ende ist aber nicht die Mauer kleiner geworden, sondern man selbst an der Aufgabe gewachsen. 

Diese mentale Einstellung, immer wieder ein Hindernis überwinden zu müssen, bildet nach und nach den Charakter. Das Hindernis ist der Weg.

Lerne Bodenkampf und Würfe, lerne Nahkampf und Hebel, aber sei auf der Hut vor realitätsfernen Techniken und Philosophien. Was im Training nicht funktioniert, wird im Ernstfall nie funktionieren. Auf deine Beine kannst du dich jedoch verlassen.

image.jpg

Du musst dich selbst, deine Stärken und Schwächen wirklich kennen. In der Not gibt es genug andere Variablen.

Was sind deine Erfahrungen mit Selbstverteidigung? Berichte davon in den Kommentaren!