10.000 Experimente - 6 wissenschaftliche Schritte zu einem besseren Leben

 Quelle: gizmodo.com

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Mein Onkel ist Pianist, trägt gerne Badehosen, wohnt auf Guadeloupe und sieht nicht nur gesund und fit aus, sondern isst auch eine Menge bunter Obst- und Gemüsesorten. Jedes Mal wenn ich ihn sehe und wir gemeinsam frühstücken, isst er mindestens eine Tomate und betont ausdrücklich wie sehr er diese mag. Das war jedoch nicht immer so.

In seiner Jugend hat er sich vehement geweigert Tomaten auch nur anzufassen, auch wenn der Grund seiner Abneigung ihm schon damals völlig entfallen war. 

Mit Mitte 20 ist er schließlich doch über seinen eigenen Schatten gesprungen - Aber erst nachdem er die Gefahren abgewogen hatte. Immerhin schmecken den meisten Tomaten und es sterben nur die wenigsten Menschen beim Versuch eine Tomate zu essen. Würde sie ihm nicht schmecken, lässt er eben die Finger davon. Für ihn klang das nach einem annehmbaren Risiko. Das Experiment war jedenfalls ein voller Erfolg. Immer wieder bedauert er jedoch, sich nicht früher daran gewagt zu haben. Dann hätte er in seinem Leben schon so viele Tomaten mehr essen können.

Manchmal sind es die kleinen Dinge im Leben, die uns auf dem Weg zum Glück verhelfen. Aber diese kleinen Veränderungen geschehen nicht von selbst. Wir müssen uns auf die Suche nach ihnen begeben.


Ich bin doch glücklich, wozu soll ich herumexperimentieren?

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Wir verbringen den Großteil des heutigen Lebens in Boxen. Wir wohnen in einer großen Box, wachen in einer kleineren Box auf, setzen uns in die nächste Box, um an die Arbeit zu fahren; dort starren wir den ganzen Tag in eine leuchtende Box. In der Mittagspause stellen wir unsere Lunchbox in die nächste Box, um unser Essen aufzuwärmen...

Ich weiß nicht wer Wasser entdeckt hat, aber es war bestimmt kein Fisch. Um unsere Wahrnehmung zu erweitern, müssen wir Perspektiven ändern. Wir hören immer wieder: "Think outside the Box". Wie weit kann man jedoch sehen, wenn unser Horizont auf die Wände, der uns umgebenden Boxen beschränkt ist? Auch wenn wir nicht mehr auf diese Boxen verzichten wollen, können wir sie durch Experimente erweitern. Man kann jedoch nur etwas Neues in die eigene Box stecken, indem man sie kurz verlässt - mit Hilfe kleiner Experimente.

Diese können so banal sein wie das Tomatenexperiment, oder gänzlich dein Leben verändern.Gerade Selbstversuche haben das Potenzial dir etwas zu verraten, das nicht einmal dein Arzt weiß - du bist der Einzige, der dein eigenes Handbuch schreiben kann.

Aber halte kurz inne, bevor du losstürmst um eine radioaktiven Spinne zu finden, oder nach einem Chirurgen für ausfahrbare Adamantiumklauen googlest. Jedes Experiment beherbergt ein gewisses Risiko. Das Verhältnis zwischen Risiko und Gewinn muss stimmen - kannst du mit dem schlimmsten Ausgang leben? Adamatiumskelett? Wahrscheinlich keine gute Idee... Ist diese Frage geklärt, kann nichts mehr schief gehen, denn:


Jedes Experiment ist ein Erfolg

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Thomas Edison hat angeblich über 10.000 Experimente durchgeführt, bevor er die Glühbirne marktreif bekam. Vor seinem Durchbruch wurde Edison in einem Interview gefragt, ob er nicht niedergeschlagen von den vielen Fehlversuchen sei und aufgeben wolle. Ganz perplex antwortete er: "Junge Frau, warum sollte ich mich schlecht fühlen und aufgeben? Ich kenne bereits über 9.000 Möglichkeiten eine Glühbirne nicht zum Leuchten zu bringen. Es kann kein langer Weg mehr bis zum Erfolg sein."

Das ist eine wichtige Lektion. Die 9.999 misslungenen Experimente waren keine verschwendete Zeit und nicht weniger wichtig als das Letzte erfolgreiche Experiment. Es waren die 9.999 Experimente vor dem erfolgreichen Versuch, die Edison etwas gelehrt haben und ihm den Weg ebneten.


Exkurs: "Ich weiß, dass ich nichts weiß"

Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug als wie zuvor;
Heiße Magister, heiße Doktor gar
Und ziehe schon an die zehen Jahr
Herauf, herab und quer und krumm
Meine Schüler an der Nase herum –
Und sehe, daß wir nichts wissen können!
— Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Eine Tragödie - Kapitel 4

Was genau wissen wir eigentlich mit Sicherheit? Keine leicht zu beantwortende Frage. Auch wenn es Spaß macht in geselliger Runde über diese Frage zu philosophieren und dabei Filme wie "Matrix" und "Inception" als Referenzen zu nennen, führt solch eine Diskussion zu keinem produktivem Ende. Auch wenn Faust einer anderen Meinung sein mag, haben die Wissenschaften eine Lösung hierfür gefunden. Sie sortieren unser "Wissen" nach ihrer Aussagekraft, anhand der vorliegenden Informationen, in verschiedene Kategorien. Diese Kategorien sind:

1. Physikalische Gesetze

Physikalische Gesetze sind Beschreibungen von natürlich auftretenden Phänomenen. Sie werden meistens in mathematischen Formeln ausgedrückt. In diese Kategorie gehören beispielsweise die Hauptsätze der Thermodynamik und Newtons Gravitationsgesetz. Gesetze können Prognosen liefern, indem sie Vorhersagen, dass das Gesetz im angewendeten Fall eintritt. Mehr aber auch nicht. Newtons Gravitationsgesetz beschreibt zwar wie sich verschiedene Körper in unserem Universum zueinander verhalten, erklärt aber nicht, was Gravitation ist und warum sie wirkt. Die Antwort auf diese Frage konnte erst Einstein mit seiner Relativitätstheorie geben, welche zur nächsten Kategorie gehört.

2. Theorien

Dies ist die am meisten missverstandene Kategorie der Erkenntnisse in der Wissenschaft. Sie hat nichts mit Sätzen wie "Ich glaube..." oder "Ich denke, dass..." zu tun. Theorien liegen große Mengen an untermauernden Beweisen zu Grunde. Sie sind kohärent, systematisch, treffen genaue Vorhersagen und sie sind allgemein akzeptiert. Theorien bieten schlüssige Erklärungen für ein breites Feld an Phänomenen. So beschreibt die Evolutionstheorie nicht weniger als die Entwicklung jedes einzelnen Lebewesens auf dieser Erde. Theorien haben sich über die Zeit hinweg tausenden Experimenten und Observationen stellen müssen und sich somit behauptet. Es sind nicht "nur" Theorien...

3. Hypothesen

Hypothesen sind die kleinen Geschwister der Theorien. Sie bieten mögliche Erklärungen für einzelne Teilbereiche von Phänomenen. Genauso wie Theorien beruhen sie auf Logik, Wissen, Fakten und Erfahrung. Sie sind überprüfbar und kohärent. Dies ist die Kategorie, in der wir uns durch eigene Experimente bewegen möchten.

4. Fakten   

"Jaqueline ist schlecht in der Schule" oder "Diese Blume ist blau" - Das mag zwar stimmen, daraus lässt sich aber noch nichts schließen. Alles was ich beobachte und benenne, ohne es zu interpretieren, ist ein Fakt. Es sind jedoch keine Erklärungen sondern lediglich Tatsachen. Erst die Ansammlung von Fakten und das Setzen in einen bestimmen Kontext, bringt brauchbare Erkenntnisse.

Intuition, religiöse Offenbarungen, oder meditative Erkenntnisse werden hierbei nicht berücksichtigt, da diese rein subjektiv und nicht überprüfbar sind.


Die Methode zum Erfolg

Natürlich kann man einfach etwas Neues ausprobieren und dies Experiment nennen. Nicht jedes Experiment ist dabei jedoch so leicht verständlich und offensichtlich wie das Tomatenexperiment meines Onkels. Leider basieren viele Meinungen auf Schlussfolgerungen der letzten und niedrigsten Stufe der wissenschaftlichen Erkenntnisse; dem reinen Beobachten. Dabei wird häufig Korrelation und Kausalität vermischt. Nur weil man mehrere Jaquelines und Kevins kennt, die schlecht in der Schule sind, heißt das noch lange nicht, dass diese Vornamen für die schulischen Leistungen verantwortlich sind. Anderes Beispiel: "reiche Menschen sind gesünder" - könnte es nicht auch sein, dass gesunde Menschen aktiver sind und deshalb mehr arbeiten können, was wiederum zum Wohlstand führt? Klingt für mich gar nicht so abwegig. Ist es wirklich die Pizza, die vor Herzinfarkten schützt, wie in dieser Studie behauptet wird? Nur weil sich zwei Datensätze ähnlich verhalten, kann man noch lange nicht von Ursache und Wirkung sprechen.

Um eine brauchbare Antwort aus dem Vorhaben ziehen zu können und nicht als Opfer der Oberflächlichkeit zu enden, lohnt es sich einem bewährten System zu folgen. Dieses ist die Wissenschaftliche Methode. 

6 Schritte der wissenschaftlichen Methode

Schritt 1 -  Beobachtung/Frage 

Jede Suche beginnt mit einem Problem. Überlege, in welchem Bereich du dein Leben verändern möchtest und stelle eine Frage, die das Problem beschreibt, z.B. "Wie kann man 5% Körperfett abnehmen?" oder "Wie wachsen größere Tomaten im Garten?" 

Schritt 2 - Recherche

Begib dich jetzt in die Matrix. In diesen Schritt sammelst du alle dir zur Verfügung stehenden Informationen zu deiner Fragestellung. Es geht anfangs darum das Problem zu verstehen. Je mehr Informationen du sammelst, desto besser wirst du dein Experiment entwerfen können. Scheue dich nicht davor das Wissen anderer Menschen anzuzapfen. Internet und Bücher sind direkte Zapfhähne zu den schlausten Köpfen dieser Erde. 

Nachdem du erfahren hast, welche Mittel und Wege es gibt, Tomaten wachsen zu lassen, oder welche Umstellungen beim Abnehmen helfen können, wird deine Frage präzisiert. Zum Beispiel: "Wirkt sich die Menge an Sonnenlicht auf das Wachstum von Tomaten aus?" oder "Kann man durch Verzicht auf Getreideprodukte 5% Körperfett verlieren?"

Schritt 3 - Formuliere die Hypothese

Die vorherigen Schritte helfen dir dein Problem in einer präzisen Frage auszudrücken. Mit der Hypothese sagt du nach besten Wissen voraus, wie die Zusammenhänge deines Themas sich zueinander verhalten werden.

Aus den Fragen wird also Folgendes: "Zusätzliches Sonnenlicht führt zu größeren Tomaten" und "Der Verzicht auf Getreideprodukte senkt den Körperfettanteil"

Schritt 4- Sage ein Ergebnis hervor

Während du in der Hypothese allgemein benennst, wie deiner Meinung nach die Zusammenhänge des Sachverhalts sind, lässt dich deine Vorhersage spezifischer werden. Hier beschreibst du, wie genau du demonstrieren wirst, dass deine Hypothese wahr ist. Dies willst du mit dem Experiment testen. Deshalb musst du alle möglichen Variablen berücksichtigten, Störfaktoren bedenken und somit einen kontrollierten Versuch entwickeln.

Um die Beispiele fortzusetzen: "Durch den Verzicht auf Getreideprodukte werde ich innerhalb der nächsten 2 Monate 5% Körperfett verlieren - ohne sonstige Umstellungen in der Ernährungs- und Lebensweise", bzw. "Zusätzliches Sonnenlicht wird die Tomaten in meinem Garten größer werden lassen, als die Tomaten, die die gleiche Behandlung erfahren, mit Ausnahme der Belichtungsdauer" 

Denke daran, dass kein Experiment umsonst war. Ändere deshalb deine Vorhersage nicht, nur weil du während des Prozesses merkst, dass die Ergebnisse etwas anderes zeigen. Um erfolgreich eine Debatte führen zu können, sollte man die Seite des anderen mindestens genauso gut vertreten können wie die Eigene. Die besten Wissenschaftler versuchen daher sich selbst zu widerlegen. Nimm dir ein Beispiel daran.

Schritt 5 - Führe das Experiment durch

Jetzt wird deine Hypothese auf Wahrheitsgehalt überprüft. Das Experiment ist der wichtigste aller Schritte. Du musst dein Experiment unbedingt so gestalten, dass wirklich getestet wird, ob deine Ideen zum ausgewählten Thema zutreffen.

Gerade das Ernährungsexperiment setzt voraus, dass du bereits Daten gesammelt hast, bevor die Umstellung beginnt, da du sonst keine Vergleichswerte hast. Neben offensichtlichen Faktoren wie Energiegehalt und Aktivität, spielen hier auch Schlaf und Stress eine große Rolle. Fürchte dich nicht vor der Menge an Daten. Was gemessen werden kann, kann auch verbessert werden ;-)

Schritt 6 - Die Schlussfolgerung

Der letzte Schritt ist die Zusammenfassung deine Resultate des Experimentes und die Auswertung, wie diese Ergebisse sich in Bezug zur Hypothese verhalten.

Du kannst deine Hypothese mit einem einzelnen Experiment nicht endgültig beweisen, da dir bei der Durchführung Fehler unterlaufen sein können. Gerade das Ernährungsexperiment beinhaltet viele Variablen, die schwer zu kontrollieren sind. Du kannst jedoch feststellen, ob die Ergebnisse die ursprüngliche Hypothese unterstützen. 

Ändere deine ursprüngliche Hypothese nicht, falls sie nicht mit den Ergebissen des Experiments vereinbar ist. Versuche stattdessen zu erklären, welche Informationen dir anfangs fehlten und somit deiner Vorhersage beeinflussten.

Zusammenfassung

Du beginnst mit der Beobachtung, um zu wissen, wonach du während deiner Recherche suchen sollst. Die Hypothese ist die Antwort, die du zu finden glaubst. Deine Vorhersage ist der spezifische Ausschnitt deiner Idee: "Wenn meine Hypothese stimmt, werde ich .... entdecken." Das Experiment ist dein Werkzeug, um deine deine Frage zu beantworten. Die Schlussfolgerung gibt dir die (durch das Experiment getestete) Antwort.

Ideen für kleine Experimente die du gleich starten kannst, findest du hier:

Verwandter Artikel: Beginne klein - Wie Gewohnheiten zur Meisterschaft führen


Selbstversuche

Ist ein veganer/vegetarischer/glutenfreier/usw. Lebensstil gesund/durchführbar/bezahlbar/usw. ? Das sind Fragen, die vielen Menschen auf der Zunge brennen, aber von keinem Arzt oder Buch zufriedenstellend beantwortet werden können. Erst der kontrollierte Selbstversuch gibt uns die erwünschte Antwort.

Deshalb habe ich verschiedene Ernährungsweisen ausprobiert, um herauszufinden, was am besten zu mir passt, aber gleichzeitig unkompliziert, gesund und nachhaltig ist. So war ich beispielsweise über ein Jahr Vegetarier und wollte wissen, ob ich ohne Einbußen in Gesundheit und Lebensgefühl oder große Komplikationen diese Lebensweise annehmen kann. Zur Sicherheit habe ich mich reichlich über die Bedürfnisse und mögliche Gefahren im Vorfeld informiert. Anschließend lies ich Bluttests erstellen - erst vor der Umstellung, dann 3 Monate später und nach über einem Jahr. Außerdem zählte ich zu Beginn die gegessenen Kalorien, um nicht weniger Energie als sonst zu mir zu nehmen. Somit hatte ich die wichtigsten Variablen im Griff.

Meine Erkenntnisse? Es ist eine sehr einfache Lebensweise, die mir nur selten das Gefühl gab auf etwas verzichten zu müssen. Meine Blutwerte waren tadellos und zum Teil sogar besser als zuvor. Ich fühlte mich leicht und gut. Es gab nur ein unerwartetes Problem. Obwohl ich mich immer satt gegessen habe, wurde ich dennoch immer dünner und konnte mein Gewicht schwer halten. Dabei aß ich gefühlt den ganzen Tag. Natürlich wäre es mit energiereicheren (z.B. Nüsse, Avocados) oder ungesünderen vegetarischen Nahrungsmitteln ohne Probleme möglich gewesen das Gewicht zu halten. Dies ging aber an dem initialem Gedanken vorbei - weshalb ich wieder zur Mischkost wechselte. Dennoch habe ich viel aus diesem Experiment mitnehmen können. Fleisch esse ich beispielsweise nur auswärts und kaufe Keines ein. Ich esse immer noch hauptsächlich Obst und Gemüse - zum Beispiel bei meinem Lieblings-Inder in Weimar. Dort gibt es die besten ausschließlich vegetarischen und veganen Gerichte ;-) 

 Tara-Weimar.de - unbedingt besuchen ;-) 

Tara-Weimar.de - unbedingt besuchen ;-) 

Daß ich erkenne, was [meine] Welt
Im Innersten zusammenhält...
— Johann Wolfgang von Goethe: Faust

Jede großartige Sache beginnt mit einem einfachen Versuch.

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