Superhelden unter Sportlern

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Es gibt eine Sportart, die unter richtiger Anleitung allen anderen überlegen ist... Die Spitzensportler sind wahrhafte Superhelden unter uns normalsterblichen.

Als ich an der Kölner Eignungprüfung für Sport teilnahm, schwand die Zahl der Teilnehmer rapide mit zunehmender Stunde. Die Zahl derer, die es ohne Defizit durch die Vielzahl der Prüfungen aus unterschiedlichsten Sportarten geschafft haben, war sehr überschaubar. Viele von uns hatten jedoch eine Gemeinsamkeit: die Sportart unserer Wahl war das Turnen.

Turnen wird oftmals als Sport für Mädchen und kleine Jungs angesehen. Im Kontrast dazu, bestaunen wir alle vier Jahre zu den olympischen Spielen die unwirklichen Fähigkeiten dieser Spitzensportler.

Was bietet das Turnen für die verschiedenen Aspekte der Sportlichkeit? 

Beweglichkeit

Das beste System um Beweglichkeit zu erlangen muss Yoga sein, oder? Da unser aller Zeit sehr beschränkt ist, möchte ich die Frage umformulieren: Wird jemand, der 10 Jahre geturnt hat in der Lage sein, sich gut im Yoga zu schlagen? Sehr wahrscheinlich. Vorwärtsspagat, Seitspagat und Brücke gehören zum Alltag eines Turners. Gleichzeitig muss diese Beweglichkeit aber nicht nur statisch oder passiv verfügbar sein, sondern mitten in der Luft, oder in den ungewöhnlichsten Positionen unter Einsatz von Kraft. Wird jemand, der 10 Jahre Yoga betreibt die Fähigkeiten eines Turners haben? Nicht im Ansatz. Die meisten werden an den einfachsten Übungen scheitern.

Kraft 

Ein Gewichtheber ist doch stärker als ein Turner, oder? Der Gewichtheber wird in absoluten Zahlen tatsächlich mehr Gewicht bewegen können. Wenn es um Relativkraft geht, also die Kraft, die man im Verhältnis zum Körpergewicht bewegen kann, ist der Turner jedoch der Herkules unter den Sportlern. Leider sind die meisten Gewichtheber übergewichtig und nicht einmal in der Lage das eigene Körpergewicht zu heben, weshalb der Vergleich ein wenig schwer fällt. 

Im Turnen werden Elemente nach Schwierigkeitsgraden von A (am einfachsten) bis G (am schwierigsten) eingestuft.  

Ein Muscle Up (zu deutsch: Zugstemme) an den Ringen ist zur Zeit eines der Symbole für rohe Kraft im Calisthenics und Crossfit. Im Turnen wird es nicht einmal als Element gewertet. Es ist einfach nur eine Bewegung um in den Stütz zu kommen... Die beachtlichen Oberkörper der Männer an den Ringen sprechen Bände.

 "Turner haben aber keine Kraft in den Beinen! Die benutzen doch nur die Federböden, um in die Luft gefedert zu werden." Natürlich helfen die modernen Böden ungemein bei der Höhe. Jedoch machen Sie das Landen nicht einfacher. Kommt man aus 3 Metern Höhe mit vollem Schwung auf den Beinen auf, müssen diese oft das vielfache des Körpergewichts an Kraft abfangen können. Resultat des ganzen? Selbst ich kann eine Kniebeuge mit doppeltem Körpergewicht an der Langhantel ausführen, ohne jemals gezielt darauf trainiert zu haben- eine Leistung, die man im Fitnessstudio leider viel zu selten zu Gesicht bekommt...

Geschwindigkeit

Neben dem offensichtlichem Anlaufsprint am Sprung benötigt der Turner für die meisten Elemente eine hohe Geschwindigkeit zur Ausführung. Dabei ist schneller zwar oft besser, aber langsam ist keine Option, d.h. viele Elemente sind überhaupt nicht ausführbar ohne die notwendige Beschleunigung. Wer glaubt ein Hürdenlauf oder Sprint stellt eine Herausforderung dar, sollte einmal mehrfache Salti am Sprung ausprobieren. Selbst ein einfacher Rückwärtssalto benötigt Schnellkraft in Beinen und Bauch.

Ausdauer 

Wer zur Ausführung einer Bewegung weniger Kraft benötigt, wird diese länger durchhalten. Relativkraft ist hier von großem Vorteil. Meine Erfahrung mit dem Halbmarathon hat zwar keinen Spaß gemacht, hat aber auch keine besondere Herausforderung dargestellt. Es war eher ein Test der Psyche als der Physis.

Balance

Auch hier denkt man als erstes an andere Sportarten... Slackline? Zirkus? Zirkusartisten sind oftmals ehemalige Turner, die in ihrer Kariere keine größeren Aussichten mehr hatten. Turner behalten Kontrolle über den Körper, egal ob auf den Beinen, auf den Händen, in der Luft oder nach spektakulärem Sprung auf dem Schwebebalken.

Abhärtung

Ich komme aus dem Kampfsport. Die Erfahrung mehrerer Vollkontaktsportarten hat mich gelehrt Einiges einstecken zu können. Das Meiste ist jedoch ein Witz im Vergleich zu den Strapazen aus dem Turnen. Selbst die Dehnübungen der Aufwärmung und die Konditionierung der Handgelenke ist anfangs schlimmer gewesen als Schläge mit der blanken Faust gegen eine Betonwand. Das ganze Körpergewicht aus dem Schwung mit den Oberarmen auf Holzholmen (mit Stahlkern) abzufangen ist jedoch eine ganz andere Liga. Durch stundenlanges Hängen und Stützen an den Geräten, sowie die unzählige Stöße, die die Beine während der Sprünge absorbieren müssen, haben Turner stärkere Gelenke, besseres Bindegewebe und dichtere Knochen, als die meisten anderen Sportler und sind somit sehr robust.

Fazit

Egal mit welcher Sportart man Vergleiche zieht, die Vielfalt des Turnens bildet die besten Voraussetzungen, um in kürzester Zeit in allen möglichen Bereichen erfolgreich zu sein. Der Leistungsturner ist zwar nicht besser als der Elite Sportler einer anderen Disziplin, wird in dieser jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit in kurzer Zeit gute Leistungen erzielen können. Das Gegenteil ist nur selten der Fall.

Problem

Weshalb findet diese Sportart dann so wenig Anerkennung in der Allgemeinheit? Wo ist das Problem des Turnens heutzutage? Irgendwo hörte ich diesen Satz: "there is only one thing that is not flexible about a Gymnast- his mind..." Dies habe ich leider selbst schon erlebt: Wenn ein 14 jähriges Mädchen zum Turnverein kommt, mit der Absicht sich zu bewegen und tolle Sachen zu lernen, die Trainer jedoch sagen, sie sei zu alt, dann stimmt etwas mit der Einstellung der Trainer nicht.

Überlegen wir doch einmal, weshalb Parkour so populär ist. Es beinhaltet viele der Elemte aus dem Turnen und bietet gleichzeitig eine neuartige Methodik, die Kreativität und Spaß bringt. Der einzige Wettkampf im Parkour ist der gegen sich selbst. Daher spricht es auch ältere Menschen und solche, ohne sportlichen Hintergrund an.

Dabei ist Turnen nicht nur etwas für kleine Kinder. Die über 60 jährigen, mit denen ich trainiere, turnen mich zum Teil noch immer an die Wand. Die meisten Vereine sehen jedoch nur das Wettkampfgeschehen und haben somit kein Interesse an der strapaziösen Ausbildung der Erwachsenen. Und wenn doch Möglichkeiten bestehen, ist der lange Weg zum Ziel nicht vereinbar mit der "ich will alles sofort"-Mentalität der Neuzugänge.

Durch eine bewegungsorientierte und nicht wettkampfgeleitete Einstellung, könnten die Turnvereine vielen Erwachsenen einen guten Dienst bei der Erhaltung und Wiederherstellung ihrer Körper leisten. 

Turnen rulZ! 

Falls jemand meine Ansichten nicht teilt, kann er gerne in den Kommentaren eine Diskussion starten. Vorher sollte dieser aber das folgende Video anschauen und überlegen, wozu diese Körper abseits des gezeigten in der Lage sein müssen...