Qi Gong bei Meister Shi Xinggui - Entmystifizierung

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Als kleiner Junge war ich begeistert von Serien wie Dragonball, in denen eine geheimnisvolle Kraft benutzt wurde, um Energie-Bälle oder "Kamehamehas" zu schießen. Mittlerweile habe ich mich damit abgefunden, dass dies wohl außerhalb meiner Fähigkeiten bleiben wird. Was wäre aber, wenn man dieselbe Energie benutzen könnte, um weitaus praktischere Dinge anzustellen? Bessere regenerative Fähigkeiten, das Heilen von Krankheiten, Abhärtung des Körpers, Verlängerung des Lebens und ein strahlendes Lächeln sollen durch die Arbeit an der eigenen Lebensenergie möglich sein.

Was aber soll diese Lebensenergie sein? Wenn ich nur Dinge in meinem Repertoire haben würde, die ich wirklich verstehe, dürfte ich diesen Artikel nicht schreiben. Wenn etwas funktioniert, warum sollte ich dann darauf verzichten, nur weil ich es nicht verstehe? Hinterfragen kann man es immer noch ;-)

Aus diesem Grund habe ich die Möglichkeit genutzt an einer Intensivausbildung bei dem Shaolinmönch und Meister Shi Xinggui teilzunehmen. Dieser hat nicht nur über 15 Jahre im Kloster gelebt, gelernt und trainiert, sondern auch die traditionelle chinesische Medizin studiert. Er praktiziert seit über 30 Jahren Qi Gong. Von früh bis abends wurden wir 5 Tage lang in chinesischer Medizin, Shaolin Qi Gong und Chan Meditation von ihm unterrichtet. 

Natürlich lässt sich das Erfahrene nur schwer in diesem Beitrag festhalten. Dennoch möchte ich ein paar der Eindrücke mit euch teilen und gleichzeitig meine Perspektive aufbringen und dadurch Qi Gong möglicherweise ein wenig entmystifizieren.


Theorie

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Jeder Tag begann mit einer längeren Sitzung Theorie am Schreibtisch. Neben Ernährungsempfehlungen bei bestimmten Krankheiten wurden wir in die Geschichte des Qi Gong und die der Meditation eingeführt. Auch Funktionskreise der Organe und Akkupressur waren Teil des Unterrichts. 

Während Themen wie Funktionskreise der Organe auch bei den anwesenden Ärzten zur sofortigen Zustimmung führten (trotz sehr bildhafter und niedlicher Erklärungen), gab es einige Themengebiete, die einigen nur schwer zugänglich schienen. Gerade auf diese komplizierteren und umstrittenen Bereiche möchte ich eingehen, um etwas Licht ins Dunkel zu bringen :-)


Qi - eine mysteriöse Kraft?

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Gleich zu Beginn erklärte Meister Shi Xinggui was "Qi", bzw. "Chi", manchmal auch "Ki" ist. Um es überspitzt auszudrücken ist Qi eine weder greifbare noch sichtbare Vitalkraft, die auf nicht wahrnehmbaren Energiebahnen verläuft und deren Ungleichgewicht uns krank macht. Auch Stagnationen im Fluss und Unterversorgung von Qi können Probleme bereiten.

Da dies für mich keine befriedigende Antwort war, habe ich begonnen zu recherchieren. Dabei bin ich auf verschiedenste Übersetzungen gestoßen. Manche Leute verstehen unter Qi beispielsweise einfach nur Beinkraft. Schließlich ist mir jedoch etwas sehr Interessantes in die Hände gefallen. 

Ein großer Teil des Wissens über die chinesische Medizin stammt aus dem Buch Huangdi Neijing, auch "Der gelbe Kaiser" genannt. In diesem über 2000 Jahre altem Werk findet man detaillierte Angaben über die menschliche Anatomie, Informationen zur Entstehung von Krankheiten und Möglichkeiten zur Behandlung dieser durch Akupunktur, Kräutermedizin und Umstellungen der Ernährungs- und Lebensweise.

Dummerweise ist der gelbe Kaiser in einem chinesischen Dialekt geschrieben, den selbst ein gebürtiger Chinese heutzutage nicht mehr verstehen würde. Daher wären Experten nötig, um eine brauchbare Übersetzung liefern zu können. Die am meisten verwendete Übersetzung stammt jedoch vom Franzosen Georges Soulie de Morant. Dieser lebte von 1901 bis 1917 in China und war beeindruckt von der Effektivität der chinesischen Behandlungsmethoden. Leider war er weder in chinesischen Schriften noch in Medizin ausgebildet. Er war Bankkaufmann...

Auch wenn er in vielerlei Hinsicht eine gute Arbeit geleistet hat, sind es gerade seine Fehler, die in der Schulmedizin zum Augenverdrehen führen. Er selbst schreibt, dass er mangels eines besseren Wortes "Qi" als Energie übersetzte. Dabei wurde der gelbe Kaiser bereits im 17. Jahrhundert von einem Niederländer namens Willem Tehn Rhijne übersetzt, der korrekterweise "Luft" als Übersetzung für "Qi" verwendete.

Die Chinesen wussten schon vor über 2 Jahrtausenden, dass irgendetwas in der Luft sein muss, das wir zum Leben brauchen und auch Nahrungsmittel irgendetwas enthalten, das essentiell für unser Überleben ist. Daher wird auch von Luft-Qi und Nahrungs-Qi gesprochen. Zu dieser Zeit wusste natürlich aber noch niemand von Atomen oder Molekülen - die nötige Technologie war nicht vorhanden. Nach moderner Interpretation würde man aber Luft-Qi als Sauerstoff und Nahrungs-Qi wahrscheinlich als Glucose oder gar ATP verstehen. Diese beiden Dinge werden in jeder Zelle unseres Körpers benötigt. Man könnte also sagen, dass Qi die potenzielle Energie zur Versorgung unserer Zellen ist, die durch unsere Adern fließt. Dabei ist Energie jedoch keineswegs als übernatürliche Kraft zu verstehen.

Wenn wir für gutes Qi also nur gesund essen und atmen müssten, welche Rolle spielen dann die Bewegungen im Qi Gong? Natürlich wirkt sich sportliche Aktivität auf den Stoffwechsel und die Atmung aus, aber auch fokussierte Gedanken können unsere Körperfunktionen beeinflussen. Nicht umsonst spricht man im Bodybuilding von der "Mind-Body-Connection". Arnold Schwarzenegger beschreibt in seinen Büchern, wie er beim Training eines einzelnen Muskels mit den Gedanken völlig in diesem Muskel versinkt. Auch der sogenannte "Concentration Curl" verrät den Zusammenhang zwischen Körper und Geist. Wie genau im Qi Gong diese Verbindung trainiert wird, werde ich im Praxisteil näher erläutern.


 Quelle: chriskresser.com

Quelle: chriskresser.com

Meridiane und Akupressur 

Die ersten Druckpunktbehandlungen sollen bereits vor 6000 Jahren durchgeführt worden sein. Vor über 2000 Jahren wussten Chinesische Mediziner bereits über die Details der menschlichen Anatomie und Funktionsweisen einzelner Organe Bescheid. Sie wussten beispielsweise, dass das Herz dafür zuständig ist, Blut durch den gesamten Körper zu pumpen. Sie wussten auch, dass die Blutbahnen einen Kreislauf bilden. In Europa wurde dieses Wissen erst im 16. Jahrhundert erlangt. Es ist demnach nur verständlich, dass einige Personen diesen Schatz an Informationen - zu finden im Huangdi Neijin -  auch zu uns bringen wollten.

Als De Morant mit seinen neuen Erkenntnissen in die Heimat zurückkehrte, wollte er andere darin unterrichten. Der Bankkaufmann war gleichzeitig der Meinung, dass keine anatomischen Kenntnisse zur effektiven Behandlung nach chinesischer Medizin notwendig seien. Da er sich mit chinesischer Medizin nicht auskannte, aber mit der indischen Heilkunde des Ayurveda vertraut war, übernahm er kurzerhand deren Konzept der unsichtbaren Energie "Prana", die durch unsichtbare Bahnen namens "Nadis" fließen und übertrug es auf die chinesische Medizin, obwohl davon keinerlei Rede im chinesischen Originaltext war - ein Fehler, der bis heute eine Kluft zwischen Schulmedizin und traditioneller chinesischer Medizin bestehen lässt. 

De Morant fotografierte alte chinesische Akupunktur-Diagramme und zeichnete Verbindungen zwischen diesen Punkten. Angelehnt an seine indischen Vorkenntnisse übersetzte er das Wort "Mai" als Meridian und erfand damit erstmals das Energiemeridian Modell. Korrekterweise wird das chinesische Wort "Mai" allerdings einfach als Blutgefäß übersetzt. Erst an seinem Todesbett soll de Morant angeblich doch noch zugegeben haben, dass seine Energiemeridiane eigentlich nur Blutgefäße seien. Die Quintessenz ist demnach: Laut Chinesischer Medizin fließt Sauerstoff durch unsere Blutgefäße - keine übernatürliche Energie durch metaphysische Linien...

Damit wäre zunächst einmal die Begrifflichkeit geklärt. Die große Frage ist jedoch: Wie kann ein vom Organ weit entfernter Punkt trotzdem Auswirkungen auf dieses haben?

Die Punkte, die bei der Akupunktur und Akupressur benutzt werden, sind tatsächlich Nervenknotenpunkte, an denen viele kleine Blutgefäße zu finden sind. Es sind die selben Punkte, die auch in der Selbstverteidigung und im Kyusho Jitsu zur Bewältigung des Gegners verwendet werden - einfach, weil wir dort sehr empfindlich sind.  

Kennt man die Muskeln und Bindegewebestrukturen des Menschen, ist es leicht von einer Fußfehlstellung auf Nackenschmerzen schließen zu können. Die kinetischen Ketten durchziehen den ganzen Körper und beeinflussen somit auch weit entfernte Bereiche. Auch ungewöhnlichere Verbindungen sind mittlerweile bekannt. Beispielsweise können durch Störungen im Vestibularsystem Schmerzen in verschiedensten Körperregionen auftreten. Warum sollte es also nicht möglich sein, durch Reizung eines Nervenknotenpunktes eine andere Stelle im Körper zu aktivieren?


Praxis

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Die meiste Zeit haben wir im Freien verbracht. Die Sportschule in Bad Blankenburg hat wirklich beeindruckende Grünanlagen, die sich hervorragend eignen, um in angenehmer Umgebung etwas Energie zu tanken. Wir haben eine Vielzahl an Qi Gong Übungsreihen und Formen trainiert. Auch wenn die Übungen nicht nach Funktionsweise aufgeteilt wurden, werde ich diese im Folgenden aus sportwissenschaftlicher Sicht betrachten.


Wahrnehmungs- und Koordinationsübungen

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Jede Trainingseinheit begann mit einer Körperaktivierung. Uns wurde zwar erklärt, dass diese dem Öffnen unserer Energietore dient, aber auch aus rationeller Sicht war die Aktivierung sinnvoll. Jede unserer Bewegungen beginnt im Gehirn. Je breiter die Autobahn zwischen Körperteil und Gehirn ist, desto differenzierter und komplexer können wir uns bewegen. Vielen Menschen fehlt heutzutage jedoch die Fähigkeit, einzelne Körperteile gezielt und isoliert bewegen zu können. Wenn man beispielsweise die Wirbelsäule als unbeweglichen Stock wahrnimmt, wird das Erlernen der Brücke ein beschwerlicher Weg.

Verwandter Artikel: Tutorial - Brücke 

Durch das Streichen und Abklopfen jeder Körperpartie einzeln wird die Wahrnehmung für den jeweiligen Körperbereich gestärkt. Viele Körpertherapien basieren auf der bewussten Wahrnehmung des eigenen Körpers. Nicht nur im Jahrtausende alten Yoga findet dieses Konzept Anwendung - auch Feldenkrais und Alexandertechnik legen hier einen Schwerpunkt.

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Einige Übungen ließen unsere Köpfe beinahe rauchen. Sie verlangten uns neben hoher Konzentration eine Menge Koordination ab. Solche komplizierten Bewegungen, bei denen einzelne Körperteile unabhängig von einander verschiedene Aufgaben erfüllen müssen, stimulieren unser Gehirn und lassen neue Verbindungen entstehen, die uns besser bewegen lassen.

Meine Lieblingsübung aus diesem Bereich war folgende: Stehe auf dem rechten Bein, hebe das Knie des linken Beines und kreise dessen Unterschenkel im Uhrzeigersinn. Gleichzeitig kreist du die rechte Hand vor deinem Bauch ebenfalls im Uhrzeigersinn. Die linke Hand zeichnet Kreise über dem Kopf gegen den Uhrzeigersinn. Andere Seite analog dazu ausführen :-)


Balanceübungen

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Auch wenn uns nur drei spezielle Übungen zum Training des Gleichgewichts vermittelt wurden, beinhalteten praktisch alle Übungen im Qi Gong eine mehr oder weniger anspruchsvolle Balancekomponente.

Die Schulung der Balance ist ein völlig vernachlässigter Bereich des Trainings nach modernen Fitnesskonzepten. Dabei stellen gerade bei älteren Menschen Gleichgewichtsstörungen ein hohes Gefahrenpotenzial dar. Glücklicherweise lässt sich unser Gleichgewicht in kürzester Zeit stark verbessern. Dafür könnte man Slacklines, Schwebebalken oder Geländer benutzen - oder man verzichtet einfach auf die Hilfsmittel; wie im Qi Gong. Die Übungen waren intelligent ausgewählt, sodass jeder ohne Einstiegshürde und Angst teilnehmen konnte. 


Atemübungen

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Es ist die erste und letzte Handlung in jedem Leben - das Atmen. Eine gesunde Atemfunktion ist jedoch nicht nur zur Versorgung des Körpers mit Sauerstoff notwendig. Falsche Atemgewohnheiten können beispielsweise schnell zu Rückenschmerzen führen, da das Zwerchfell zum Teil der stützenden Mittelkörpermuskulatur gehört. Aber auch Emotionen sind an die Atmung gekoppelt. Wie lautet der erste Ratschlag an jemanden, der aufgeregt ist oder Angst hat? "Erstmal tief durchatmen" Ebenso wie bei der Balance herrscht in diesem essentiellen Gebiet ein großes Defizit in der modernen Fitnessbranche. Selbst im englischsprachigen Raum gibt es kaum Literatur und Bewusstsein für gesundheitsfördernde Atmung. In China war man wieder einmal ein paar Jahrhunderte schneller mit dieser Erkenntnis...

Anders als bei Bewegungen der Skelettmuskulatur lässt sich leider nicht einfach zeigen, wie eine richtige Atembewegung auszusehen hat. Bewegungsanleitungen sind daher sehr assoziativ und klingen häufig wie Kurzgeschichten. Im Qi Gong wird durch unterstützende Armbewegungen die richtige Arbeit des Zwerchfells visualisiert und somit das Atmen einfacher erlernt.

Es ist eine größere Herausforderung die erlernte Atmung während des Laufens beizubehalten, als sich auf diese im Stehen oder Sitzen zu konzentrieren. Durch rhythmisierte Laufbewegungen und vorgegebene Laute konnten wir den Atemfluss auch in der Bewegung üben. Wir lernten Laute für jeden Funktionskreis der Organe und auch jeweils eine spezielle Handbewegung dazu.

Angeblich bieten diese sog. "Laute-Übungen" auch große Heilungschancen bei schweren Erkrankungen wie Krebs oder Parkinson.

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Beweglichkeitsübungen

Noch nie musste ich so häufig meine Füße mit den Händen berühren, wie während der Zeit bei Shi Xinggui. Neben tiefen Kniebeugen und häufigem nach vorne Beugen wurden unsere Wirbelsäulen in alle möglichen Richtung bewegt: Wirbel für Wirbel nach vorne, nach hinten, mit Armen über Kopf zur Seite, in gestreckten Position verdreht usw.

Ich empfand als besonders angenehm, dass die Übungen stets die aktive Beweglichkeit entwickelten. Dadurch ging jeder automatisch nur so tief, wie er sich selbst noch halten konnte - je nach individuellem Grad der Beweglichkeit. Auch wenn keine herausragende Beweglichkeit durch die Übungen entwickelt wird, bieten sie gerade für ältere Menschen die Möglichkeit, sich für den Alltag zu wappnen.

Später zeigte uns Shi Xinggui ein Vielzahl an Partnerdehnübungen. Diese waren auch eher an die älteren Semester gerichtet, auch wenn diesmal nur passiv gedehnt wurde. Einige Übungen erinnerten jedoch an die harte Schule der chinesischen Kampfkünste und verlangten nach einem verantwortungsvollen Umgang miteinander - an mir konnte sich der Meister jedenfalls gut austoben ;-)

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Kräftigungsübungen

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Natürlich wurden die Übungen nie als reine Gymnastikübungen verstanden. Sie sollten in erster Linie die Energie fließen lassen, sie reinigen und ins Gleichgewicht bringen. 

Dennoch habe ich einige Übungen als gezielte Kräftigungsmittel empfunden. Dabei wurde häufig ein großer Fokus auf die Beinkraft gelegt. In einem Großteil der Übungen ließen sich Variationen von Kniebeugen finden, z.B. einbeinige Kniebeugen oder Mischungen aus Kniebeuge und Kreuzheben. Da wundert es kaum, dass Qi auch als Beinkraft verstanden werden kann. Im Vergleich zur Beanspruchung der Beine waren die Arme nur auf Sparflamme gefragt. Dennoch verlangten die meisten Übungen ein Überkopfheben der Arme aus verschiedensten Richtungen und in verschiedenen Haltungen. Der Mittelkörper wurde neben den Beinen wohl am meisten trainiert. Die Positionen auf einem Bein, gekoppelt mit den langsamen und fließenden Bewegungen, ließen die Bauch- und Rückenmuskulatur gut arbeiten. Typisch für die Kampfkünste waren die Bewegungen nur in den seltensten Fällen symmetrisch, sondern meistens unilateral, was ich als sehr vorteilhaft sehe, da es eher natürlichen Bewegungsmustern entspricht.

Natürlich gibt es effektivere Methoden des gezielten Trainings. Wer jedoch keinen Spaß an klassischen Kraftübungen findet und seine Ziele nicht hoch setzt, findet ein nettes Ganzkörperprogramm im Shaolin Qi Gong. Durch die Mehrfachfunktionen der Übungen trainieren diese neben der Kraft auch die Beweglichkeit, die Balance, die Koordination und die Wahrnehmung.

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" Der Körper bildet den Geist - der Geist führt den Körper "

- Shi Xinggui


Meditation 

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Dass sich unsere Gefühle auch auf die körperliche Befindlichkeit auswirken, ist ebenso im Westen anerkannt wie in China. Immer mehr Menschen meditieren, um diese Gefühle klar formulieren zu können und dadurch besser mit ihnen umzugehen. Vor allem unter den erfolgreichsten Leuten unserer Zeit findet sich eine große Anhängerschaft der verschiedensten Meditationsformen. Meister Shi Xinggui hat uns in die Wurzeln der Meditation eingeführt. In der Chan-Meditation finden sich vor allem Konzepte wie Selbstliebe und Selbstvertrauen. Hierfür sollten wir uns erst klar darüber werden, wer wir sind, wo wir stehen und wo wir hin wollen. Schon das Orakel von Delphi hat gesagt: "Kenne dich selbst." Uns wurden Techniken gelehrt, die helfen die Vergangenheit hinter uns zu lassen und uns auf das Hier und Jetzt zu fokussieren. Ebenso wurden verschiedene Mediationsformen für spezielle Fälle vermittelt. Egal ob Trauer und Kummer, Selbstzweifel, Krankheit oder andere Probleme vorliegen - Meister Shi Xinggui weiß für jede Situation eine spezielle Haltung (Baum, Berg, Medizin-Buddha uvm.), ein Mutra oder Mantra. 

"Wir haben nur 36.500 Tage auf dieser Erde - verschwendet keine Zeit mit Wut und Trauer"

- Shi Xinggui

Der Meister hat uns jedoch nicht nur die rohe Theorie vermittelt. Immer wieder erzählte er in guter chinesischer Manier kleine Geschichten, um seine Aussagen zu verbildlichen und zu festigen. Dabei scheute er sich nicht aus dem eigenen Leben zu schöpfen. Er erzählte von seinen wilden Tagen, in denen er beispielsweise mit einem Regenschirm versuchte, den Sprung vom Dach zu bremsen. Erst nach dem dritten Fehlversuch musste er gezwungenermaßen aufhören ;-) Solche Geschichten haben mir oft den Spiegel vorhalten können und somit zu dem Prozess der Selbstfindung und Akzeptanz beigetragen. Letztendlich konnte dadurch hoffentlich jeder Teilnehmer den "Betrüger" in sich akzeptieren und der Erleuchtung einen Schritt näher kommen.


Fazit

Ist Qi Gong notwendig? 

Die chinesische Medizin hat im Gegensatz zur Schulmedizin kaum bis keine Nebenwirkungen. Selbst wenn keine weiteren mysteriösen Mechanismen hinter dem Qi Gong stecken, geht die Rechnung auf. Viele Millionen Menschen gehen jeden Tag ins Freie, um sich zu bewegen und zu beruhigen. Klingt nicht verkehrt in meinen Ohren.

Ich habe unglaublich viel in der Zeit bei Meister Shi Xinggui gelernt. Auch wenn ich mich mit einigen Begrifflichkeiten der traditionellen Chinesischen Medizin schwer tue, mag ich den Ansatz sehr. Zum Einen wird der Mensch ganzheitlich behandelt, zum Anderen, was ich noch viel wichtiger finde, ist der Arzt eher ein Lehrer, der seine Patienten zur Selbsthilfe erzieht. Dabei spielt der Geist eine genauso große Rolle wie der Körper. Wer sich von diesen Methoden angesprochen fühlt, sollte unbedingt Shi Xinggui aufsuchen. Er ist ein Lehrer wie aus dem Märchenbuch. Er lebt, was er predigt und ist in jeder Hinsicht ein Vorbild. Außerdem ist er einfühlsam, geduldig, unterhaltsam und weise. Er hat wirklich auf jede Frage eine wertvolle Antwort parat. Diese sprudeln manchmal ganz nebenbei aus ihm heraus, weshalb wir alle an seinen Lippen hingen, um nichts zu verpassen.

Zu sagen, er sei fit, wäre eine maßlose Untertreibung. Ich habe Meister Shi Xinggui während der vielen Stunden in den verschiedensten Positionen nicht einmal auch nur wackeln oder zittern sehen. Ein Bild von seiner Beweglichkeit, Kraft und Körperkontrolle konnten wir uns während der Vorführungen von Formen aus dem Tai Chi und Shaolin Kung Fu bilden. Nicht nur ich war davon schwer beeindruckt. Seine Bewegungen sind wahrhaft hypnotisch.

Für mich hat das Qi Gong funktioniert. Ich war nur sehr selten so ausgeglichen und entspannt wie nach dieser Zeit und werde sie in guter Erinnerung behalten.

"Ich bin der Meister meines eigenen Lebens"

- Shi Xinggui