Die fragwürdige Entscheidung

Wie man versehentlich über Axiome stolpert

Oha.

Die Sonne geht schon wieder auf.

Eigentlich wollte ich mir nur schnell eine Beobachtung notieren, eine kleine Skizze, zwei oder drei Gedanken zu etwas, das mir beim Zähneputzen durch den Kopf gegangen war und sich dort, wie Gedanken das gern tun, wesentlich übersichtlicher angefühlt hatte als später auf Papier. Zehn Minuten vielleicht. Höchstens fünfzehn, falls ich mich in einem Nebensatz verlieren sollte.

Inzwischen liegen auf meinem Schreibtisch ein gezeichneter Baum, mehrere Pfeile, die aussehen, als führten sie seit Stunden einen Kleinkrieg um die richtige Richtung, eine Sinuskurve, ein Trainingsplan, eine Skizze zur Sonatenhauptsatzform, zwei leere Kaffeetassen und ein Blatt Papier, auf dem in großen Buchstaben steht:

Was ist eigentlich eine Beziehung?

Wenn jetzt jemand durch das Fenster schauen würde, käme er vermutlich zu einem von zwei Schlüssen.

Entweder bereite ich eine wissenschaftliche Revolution vor.

Oder ich brauche dringend Schlaf.

Die zweite Vermutung hätte im Moment eindeutig die besseren Argumente.

Trotzdem sitze ich noch hier, nicht weil ich besonders diszipliniert wäre, sondern weil mein Gehirn irgendwann beschlossen hat, dass zwischen zwei Uhr nachts und Sonnenaufgang ein ausgezeichneter Zeitraum sei, um zu prüfen, ob eine Sonatenhauptsatzform, Progressive Overload und Photosynthese vielleicht mehr miteinander gemeinsam haben, als man ihnen bei einer normalen gesellschaftlichen Begegnung zugestehen würde.

Es gibt Nächte, in denen man vernünftige Entscheidungen trifft.

Diese gehörte offensichtlich nicht dazu.

Oder vielleicht gerade doch.

Denn während draußen der Himmel langsam heller wird und der Kaffee auf meinem Schreibtisch nach und nach seinen thermischen Lebenswillen verliert, fällt mir auf, dass ich mich eigentlich über die falsche Frage wundere. Nicht darüber, warum ich ausgerechnet heute Nacht über Axiome nachdenke, Pfeile umsortiere und mit zunehmender Ernsthaftigkeit versuche, einem Baum die Grundlagen der Erkenntnistheorie zu entlocken, sondern darüber, wie ich überhaupt hier gelandet bin.

Denn wenn ich meinen Lebenslauf von außen betrachte, sieht er ungefähr so aus, als hätten mehrere Menschen versehentlich dieselbe Datei benutzt und sich anschließend nicht mehr einigen können, wem welche Seite gehört.

Musiker.

Artist.

Lehrer.

Vereinsgründer.

Zirkuspädagoge.

Klavierlehrer.

Bühnenmensch.

Philosophie.

Ökonomie.

Bitcoin.

Yoga.

Schreiben.

Und neuerdings offenbar jemand, der freiwillig bis zum Sonnenaufgang darüber diskutiert, ob Beziehungen vielleicht fundamentaler sind als Dinge.

Das wirkt nicht besonders geradlinig. Eher wie ein Schrank voller Brettspiele, bei dem jede Schachtel zwar den richtigen Deckel trägt, der Inhalt aber konsequent im falschen Karton gelandet ist und irgendwo zwischen Monopoly und Schach noch drei Jonglierbälle liegen, die niemand zugeben möchte.

Lange Zeit hielt ich genau das für das Problem.

Ich dachte, ich müsste mich irgendwann entscheiden. Für das eigentliche Thema, den roten Faden, die eine Antwort auf jene unvermeidliche Frage, die auf Geburtstagen, in Formularen und bei zufälligen Begegnungen zuverlässig erscheint, sobald zwei Menschen lange genug nebeneinanderstehen:

„Und was machst du eigentlich?“

Je älter ich wurde, desto unangenehmer wurde diese Frage, nicht weil ich keine Antwort gehabt hätte, sondern weil jede Antwort etwas Wesentliches verschwinden ließ. Sagte ich, ich sei Musiker, fehlte die Turnhalle. Sagte ich, ich sei Artist, fehlte das Klavier. Sagte ich, ich sei Lehrer, fehlten Bühne, Verein, Schreiben und all die Nächte, in denen ich freiwillig versuchte herauszufinden, warum ein Baum, ein Trainingsplan und eine Sinuskurve plötzlich aussahen, als würden sie sich erstaunlich gut verstehen.

Heute glaube ich, dass die Frage mich jahrelang in die Irre geführt hat.

Denn vielleicht gab es nie mehrere Themen.

Vielleicht gab es immer nur eines.

Ich hatte nur noch nicht bemerkt, dass es verschiedene Sprachen sprach.

Son Goku war keine besonders vernünftige Berufsberatung

Als Kind wollte ich Son Goku werden.

Ich meine das vollkommen ernst.

Das war kein Wunsch im Sinne von: Wäre irgendwie cool.

Es war eher ein Berufswunsch.

Rückblickend gibt es wahrscheinlich einfachere Arten, seine Karriere zu planen, als sich von einer japanischen Zeichentrickfigur beraten zu lassen. Damals erschien mir das allerdings erstaunlich vernünftig, zumal Son Goku im Gegensatz zu den meisten Erwachsenen in meiner Umgebung sichtbar trainierte, regelmäßig stärker wurde und nur selten Formulare ausfüllen musste.

Mich faszinierte gar nicht in erster Linie das Kämpfen. Auch nicht die Explosionen, und ehrlich gesagt interessierte mich nur begrenzt, ob man irgendwann Energiekugeln durch die Landschaft werfen konnte, obwohl ich diese Möglichkeit natürlich nicht vorschnell ausschließen wollte.

Mich faszinierte etwas anderes.

Der Gedanke, dass ein Mensch sich verändern konnte.

Dass Fähigkeiten nicht einfach vorhanden waren, wie ein Blinddarm oder die seltsame Vorliebe mancher Menschen für Rosinen im Kuchen, sondern entstehen konnten; dass jemand an einer Sache scheiterte, wieder aufstand, erneut scheiterte, zwischendurch sehr laut schrie und irgendwann Dinge tat, die am Anfang vollständig unmöglich ausgesehen hatten.

Natürlich hätte ich das damals niemals so formuliert.

Mit acht Jahren hätte ich wahrscheinlich einfach gesagt:

„Der trainiert halt.“

Heute glaube ich, dass ich dort zum ersten Mal einer Frage begegnet bin, die mich nie wieder vollständig losgelassen hat. Nicht der Frage nach Stärke, sondern nach Entwicklung: Was geschieht eigentlich zwischen dem Moment, in dem etwas noch nicht möglich ist, und jenem Augenblick, in dem ein Körper, ein Mensch oder vielleicht sogar eine ganze Gruppe plötzlich antworten kann?

Kinder besitzen dabei eine bemerkenswerte Eigenschaft. Sie errichten zwischen Fantasie und Wirklichkeit noch keine besonders stabile Mauer, sondern eher einen provisorischen Gartenzaun mit mehreren fehlenden Brettern, durch den Möglichkeiten bequem hindurchlaufen können. Erwachsene nennen das oft Naivität. Ich bin mir inzwischen nicht mehr sicher, ob das die treffendste Beschreibung ist.

Vielleicht nehmen Kinder Möglichkeiten einfach länger ernst.

Vielleicht geben sie der Wirklichkeit noch etwas mehr Zeit zu antworten.

Vielleicht war Son Goku deshalb für mich nie bloß eine Figur.

Er war ein Gedankenexperiment mit sehr auffälliger Frisur.

Die eigentliche Frage lautete nie:

„Kann ein Mensch fliegen?“

Sondern:

„Was könnte ein Mensch werden, wenn Entwicklung wirklich ernst gemeint wäre?“

Damals ahnte ich natürlich nicht, dass mich genau diese Frage Jahrzehnte später wieder einholen würde, nicht in einer Turnhalle, nicht am Klavier und auch nicht in einem philosophischen Buch, sondern nachts an einem Schreibtisch, zwischen einem gezeichneten Baum und der Frage, was eine Beziehung eigentlich ist.

Achtundachtzig Tasten und die Frage nach dem richtigen Urlaub

Ein paar Jahre später trat Dragon Ball langsam in den Hintergrund.

Nicht, weil ich plötzlich vernünftig geworden wäre.

Sondern weil etwas anderes meine Aufmerksamkeit vollständig in Beschlag nahm.

Ein Klavier.

Bis heute weiß ich nicht genau, ob ich mich damals in das Instrument verliebt habe oder in die Möglichkeit, mit zehn Fingern etwas hervorzubringen, das vorher schlicht nicht existiert hatte. Vermutlich in beides, wobei das Klavier den Vorteil besaß, dass es weniger Trainingsschreie erforderte und in geschlossenen Räumen gesellschaftlich etwas leichter zu vermitteln war.

Jedenfalls entwickelte sich daraus ziemlich schnell ein logistisches Problem.

Nicht für mich.

Für unsere Familienurlaube.

Andere Familien diskutierten vermutlich darüber, ob das Hotel einen Pool hatte, einen Strand oder wenigstens einen Balkon, auf dem man morgens gemütlich frühstücken konnte. Bei uns stellte sich irgendwann eine ganz andere Frage:

„Steht dort irgendwo ein Klavier?“

Ich hielt das für vollkommen normal.

Rückblickend bin ich mir da nicht mehr ganz so sicher.

Die Sternebewertung eines Hotels hatte für mich ungefähr dieselbe Aussagekraft wie die Farbe der Bettwäsche, und ob das Frühstück besonders reichhaltig war, interessierte mich ungefähr so sehr wie die botanische Vielfalt der Zimmerpflanzen. Das einzig wirklich relevante Qualitätsmerkmal bestand aus achtundachtzig Tasten.

Wenn dort kein Klavier stand, war der Rest vermutlich ganz nett.

Aber eben ohne Klavier.

Die Vorstellung, mehrere Tage nicht spielen zu können, fühlte sich ungefähr so an, als würde jemand einem begeisterten Wanderer erklären, dass der nächste Wanderurlaub diesmal leider ohne Beine stattfinden müsse. Also blieb ich lieber zu Hause oder wir fuhren dorthin, wo zufällig irgendwo ein Instrument auf mich wartete, dessen Stimmung manchmal bereits seit der letzten Währungsreform als grobe Empfehlung behandelt worden war.

Ich übte damals übrigens nicht besonders diszipliniert. Zumindest nicht in dem Sinn, wie das Wort meistens verwendet wird.

Disziplin klingt immer ein wenig so, als müsse man sich mit eiserner Willenskraft zu etwas überwinden, auf das man eigentlich überhaupt keine Lust hat.

Mein Problem war eher das Gegenteil.

Ich musste mich regelmäßig daran erinnern, irgendwann auch wieder aufzuhören.

Es gibt Menschen, die beim Üben ständig auf die Uhr schauen. Ich schaute irgendwann aus dem Fenster und stellte überrascht fest, dass es dunkel geworden war, oder hörte erst dann auf, wenn mein Magen mit zunehmender Deutlichkeit darauf hinwies, dass Nahrung langfristig durchaus zur Lebenserhaltung beiträgt und man selbst Chopin nicht ausschließlich von harmonischer Spannung ernähren kann.

Irgendwann kamen Wettbewerbe, Konzerte und schließlich das Klavierstudium, was von außen vermutlich nach einer ziemlich klassischen Musikerlaufbahn aussah, sich von innen jedoch erstaunlich anders anfühlte. Ich hatte nie das Gefühl, bloß Klavier zu lernen. Es war eher, als würde ich allmählich eine Sprache flüssiger sprechen, eine Sprache, die weder aus Wörtern noch aus Definitionen bestand, sondern aus Spannungen, Erwartungen, Auflösungen und diesen seltsamen Momenten, in denen ein einzelner Ton plötzlich mehr sagte als ein ganzer Absatz.

Manchmal spielte ich denselben Ton zehnmal hintereinander.

Nicht weil ich glaubte, dass der Ton sich verändert hätte.

Sondern weil ich mich verändert hatte.

Und plötzlich antwortete derselbe Ton anders.

Damals erschien mir das vollkommen selbstverständlich. Heute kommt mir dieser Gedanke beinahe absurd vor, denn physikalisch betrachtet bestand der Ton aus ziemlich überschaubaren Luftdruckschwankungen, und trotzdem konnte er an einem Tag nach Aufbruch klingen, am nächsten nach Sehnsucht, danach nach Ruhe oder plötzlich wie eine Frage, auf die ich noch gar nicht gekommen war.

Nicht weil er ein anderer Ton geworden wäre.

Sondern weil seine Beziehungen andere geworden waren.

Natürlich dachte ich damals nicht in solchen Begriffen. Musiker tun erstaunlich viele Dinge, ohne sie vorher philosophisch zu begründen.

Zum Glück.

Sonst würde vermutlich niemand jemals den ersten Ton eines Konzerts spielen, weil noch jemand klären müsste, ob der Flügel epistemologisch ausreichend legitimiert ist.

Ich spielte einfach weiter. Und irgendwo zwischen Tonleitern, Chopin-Etüden, Improvisationen, viel zu langen Übesitzungen und der leisen Enttäuschung, wenn ein Urlaubsort zwar einen wunderbaren Blick aufs Meer, aber leider kein Klavier besaß, begann sich unbemerkt ein Muster zu bilden.

Es war nicht der einzelne Ton, der Bedeutung erzeugte.

Nicht einmal mehrere Töne.

Sondern ihre Beziehungen.

Damals hätte ich niemals gesagt:

„Alles ist Beziehung.“

Ich hätte vermutlich überhaupt nichts gesagt.

Ich hätte einfach weitergespielt.

Denn manchmal versteht man etwas jahrzehntelang, bevor man die Worte dafür findet, und manchmal sind genau diese wortlosen Erfahrungen diejenigen, die später das Fundament für alles andere bilden, obwohl sie selbst jahrelang so tun, als seien sie nur Musik.

Ein Studium mit auffällig vielen Nebenstimmen

Irgendwann wechselte ich vom Klavierstudium zur Schulmusik, was auf dem Papier nach einer halbwegs übersichtlichen Entscheidung aussieht: anderer Studiengang, breitere Ausbildung, etwas Pädagogik und am Ende vermutlich ein Beruf, den man auf Formularen eintragen konnte, ohne dafür ein zusätzliches Erläuterungsblatt beizulegen.

In Wirklichkeit hörte mein Leben ungefähr an dieser Stelle auf, höflich nacheinander stattzufinden.

Während ich im Studium lernte, Musik zu analysieren, zu arrangieren, zu dirigieren und für Menschen aufzubereiten, die nicht freiwillig seit ihrer Kindheit mehrere Stunden täglich am Klavier saßen, entstand parallel ein Verein, ich verbrachte immer mehr Zeit auf den Händen, trainierte Tricks und Akrobatik, stand auf Bühnen, unterrichtete Klavier und Bewegung, arbeitete mit Kindern im Zirkus und versuchte regelmäßig, Gruppen von Menschen dazu zu bringen, gemeinsam etwas zu tun, das wenige Minuten zuvor noch keiner von ihnen konnte.

Das war weniger ein sauberer Lebensabschnitt als eine Fuge, bei der ständig eine neue Stimme einsetzte, bevor die vorherige Gelegenheit gehabt hatte, sich ordentlich vorzustellen.

Seltsamerweise fühlte es sich trotzdem nicht chaotisch an.

Zumindest nicht von innen.

Von außen sah es vermutlich so aus, als könnte ich mich einfach nicht entscheiden, ob ich Musiker, Lehrer, Artist oder Vereinsmensch werden wollte. Für mich schienen diese Dinge jedoch nie ernsthaft miteinander zu konkurrieren. Sie stellten einander Fragen, gaben sich Antworten und erklärten sich gegenseitig Dinge, für die ihnen allein die Worte fehlten.

Der Handstand veränderte meinen Blick auf das Lernen.

Der Unterricht veränderte mein Training.

Die Bühne veränderte meine Musik.

Der Kinderzirkus veränderte mein Verständnis von Gruppen, Führung und Improvisation.

Und der Verein sorgte dafür, dass all diese schönen Gedanken irgendwann nicht nur im Kopf funktionieren mussten, sondern auch an einem Mittwochabend in einer Turnhalle mit zwanzig Menschen, drei fehlenden Matten, einem Schlüsselbund, der grundsätzlich nie dort war, wo er hätte sein sollen, und mindestens einer Person, die fragte, ob wir heute vielleicht „nur ganz kurz“ etwas ausprobieren könnten, das erfahrungsgemäß den restlichen Abend beanspruchte.

Vielleicht begann die eigentliche Übersetzungsarbeit genau dort.

Nicht erst Jahre später in diesen Kapiteln .

Sondern mitten in diesem erstaunlich unübersichtlichen Durcheinander, das sich für mich aus irgendeinem Grund immer wie ein einziges Thema anfühlte.

Der Boden hängt über einem

In dieser Zeit verbrachte ich einen zunehmend beträchtlichen Teil meines Lebens kopfüber.

Nicht philosophisch.

Wörtlich.

Ich begann mit Krafttraining, dann kamen Handstände, später Tricks, Akrobatik und Artistik, bis ich irgendwann feststellte, dass der menschliche Körper erstaunlich viele Dinge kann, wenn man ihm lange genug freundlich auf die Nerven geht und bereit ist, den Boden aus einer Nähe kennenzulernen, die in den meisten Immobilienprospekten nicht vorgesehen ist.

Handstände besitzen einen bemerkenswerten Nebeneffekt.

Man verbringt sehr viel Zeit damit, die Welt aus einer Richtung anzuschauen, die offensichtlich nie für längere Aufenthalte gedacht war. Oben wird unten, links wird rechts und der Boden hängt plötzlich über einem, was zunächst ausgesprochen unpraktisch wirkt, sich mit der Zeit jedoch als erstaunlich hilfreiche Übung herausstellt, weil man irgendwann beginnt zu ahnen, dass viele Selbstverständlichkeiten ihren Status ausschließlich deshalb besitzen, weil man sie bisher immer nur aus derselben Perspektive betrachtet hat.

Oben ist oben.

Bis man sich umdreht.

Der harte Boden war dabei ein strenger Lehrer und pädagogisch ungefähr so feinfühlig wie eine Steuerprüfung. Er erklärte nichts, formulierte kein Lernziel und verteilte keine bunten Kompetenzraster. Er antwortete einfach. Wenn die Hände falsch standen, spürte man es. Wenn die Spannung fehlte, kam man herunter. Wenn die Richtung nicht stimmte, lag man anschließend in einer Position, die zumindest eine klare Rückmeldung enthielt.

Das war manchmal unangenehm.

Aber selten missverständlich.

Die ersten Auftritte auf einer Bühne fühlten sich ungefähr so an, als hätte mein Nervensystem beschlossen, den Körper zwar hinauszuschicken, selbst aber vorsichtshalber hinter dem Vorhang zu bleiben.

Lampenfieber ist eine faszinierende Erfindung.

Man trainiert jahrelang eine Bewegung. Sie funktioniert zuverlässig. Man kann sie morgens, mittags, abends und im Schlaf vermutlich auch. Dann sitzen plötzlich dreihundert Menschen im Publikum, das Licht geht an, jemand sagt den eigenen Namen und der Körper beginnt mit bemerkenswerter Überzeugung zu behaupten, er habe noch nie etwas von einem Handstand gehört.

Auf der Bühne wurde Können ehrlich.

Nicht gestern.

Nicht im Trainingsbuch.

Jetzt.

Hier.

In diesem Licht.

Mit diesem Atem.

Und genau dort lernte ich etwas, das mich später immer wieder beschäftigen sollte: Das Publikum interessierte sich erstaunlich wenig dafür, wie schwer eine Bewegung war. Es interessierte sich dafür, ob sie etwas erzählte.

Ein technisch perfekter Trick konnte vollkommen bedeutungslos wirken, während eine viel einfachere Bewegung den ganzen Saal berührte, nicht wegen ihrer Schwierigkeit, sondern wegen ihres Timings, ihrer Spannung und dessen, was zwischen zwei Bewegungen geschah, wenn der Körper für einen Augenblick nicht bloß etwas ausführte, sondern tatsächlich sprach.

Plötzlich wurde Bewegung Sprache.

Nicht Bewegung um der Bewegung willen.

Sondern Bewegung, die kommunizierte.

Und wieder hatte ich dieses merkwürdige Gefühl: Ich hatte keine neue Leidenschaft gefunden. Ich hatte lediglich begonnen, dieselbe Geschichte in einer anderen Sprache zu erzählen.

Menschen sind ausgesprochen schlechte Kopiermaschinen

Im Schulmusikstudium interessierte mich zunehmend weniger, was Menschen konnten, und immer mehr, wie sie etwas lernten. Anfangs hielt ich Unterricht für Wissensvermittlung, was ungefähr so lange plausibel klingt, bis man tatsächlich versucht, zehn verschiedenen Menschen dieselbe Sache beizubringen.

Man erklärt zehn Menschen dieselbe Bewegung.

Einer versteht sie sofort.

Der Nächste erst, wenn man schweigt.

Der Dritte, wenn man eine Geschichte erzählt.

Der Vierte muss sie hundertmal falsch machen.

Der Fünfte lernt sie ausgerechnet in dem Moment, in dem er versucht, sie jemand anderem zu erklären.

Der Sechste versteht zwar jedes Wort, tut danach aber etwas völlig anderes und entdeckt dabei versehentlich eine bessere Lösung.

Es stellte sich heraus, dass Menschen ausgesprochen schlechte Kopiermaschinen sind.

Zum Glück.

Denn genau deshalb können sie lernen.

Je länger ich unterrichtete, desto weniger achtete ich darauf, was ich sagte. Stattdessen begann mich zu interessieren, wann ich etwas sagte, wie ich es sagte, wie viel davon der andere überhaupt aufnehmen konnte und ob ich nicht besser einfach den Mund hielt. Manchmal war der wichtigste Satz gar kein Satz, sondern eine Pause. Manchmal bestand die beste Erklärung aus einer Frage, einem Bild, einem Rhythmus oder dem Moment, in dem ich aus dem Weg ging und einem Menschen dabei zusah, wie er etwas endlich selbst herausfand.

Das war zunächst irritierend.

Schließlich war ich doch Lehrer geworden, um etwas zu erklären.

Stattdessen verbrachte ich immer mehr Zeit damit, Bedingungen zu schaffen, nicht Bedingungen dafür, dass Menschen mich verstanden, sondern dafür, dass plötzlich etwas geschah, das ich ihnen gar nicht direkt geben konnte.

Genau darin lag der Unterschied.

Information lässt sich übertragen.

Können nicht.

Ich konnte niemandem Gleichgewicht geben. Ich konnte es nicht aus meinem Körper nehmen, ordentlich verpacken und einem anderen Menschen mit den Worten überreichen: „Hier, bitte nicht fallen lassen.“ Ich konnte lediglich einen Raum, eine Aufgabe, einen Reiz, eine Reihenfolge, eine Pause und manchmal etwas Mut anbieten, bis der Körper irgendwann eine eigene Antwort fand.

Beim Klavier war es nicht anders. Ich konnte einen Fingersatz zeigen, einen Rhythmus vorspielen und erklären, wo eine Phrase hinwollte, aber ich konnte niemandem den Moment übertragen, in dem eine Melodie plötzlich nicht mehr aus einzelnen Noten bestand, sondern begann, selbst zu wissen, wohin sie musste.

Auch der Kinderzirkus war darin ausgesprochen deutlich.

Wer einmal mit sehr vielen Kindern gleichzeitig an einer Aufführung gearbeitet hat, verliert relativ schnell die Vorstellung, Lernen sei eine geordnete Lieferung von Wissen. Von außen sieht eine Zirkusprojektwoche romantisch aus: Kinder jonglieren, balancieren, tragen Kostüme und stehen am Ende gemeinsam auf einer Bühne. Von innen beginnt der Tag häufig damit, dass irgendwo Sachen durch die Gegend geworfen werden, ein Kind seinen Workshop wechseln will, zwei andere beschlossen haben, nun doch nicht mehr gemeinsam Drachen zu sein, und die Regenbogen-Presswurst vermutlich wieder kein Mittag gegessen hat.

Trotzdem entsteht etwas.

Nicht, weil eine Person alles kontrolliert.

Sondern weil irgendwann genug Beziehungen tragen.

Kinder helfen einander, übernehmen Rollen, beobachten, kopieren, widersprechen, lachen, scheitern, versuchen es noch einmal und wissen am Ende manchmal Dinge, die ihnen nie jemand erklärt hat. Die Gruppe beginnt zu antworten. Aus vielen einzelnen Fähigkeiten wird eine gemeinsame Form, und der Moment, in dem hundert Kinder plötzlich wissen, wann sie auf die Bühne müssen, fühlt sich weniger wie erfolgreiche Planung an als wie das unerwartete Auftauchen eines sehr großen Tieres, das aus erstaunlich vielen Glitzerhüten besteht.

Rückblickend glaube ich, dass ich damals längst an der Theorie arbeitete.

Ich wusste es nur nicht.

Ich nannte es Unterricht.

Oder Training.

Oder Mittwoch.

Als Musik plötzlich sprechen lernte

In derselben Zeit begegnete ich Bodo Wartke.

Bis dahin war Musik für mich vor allem Musik gewesen.

Melodien.

Rhythmen.

Harmonien.

Plötzlich sprach sie.

Nicht im übertragenen Sinn.

Wirklich.

Zu den Tönen kamen Worte, zu den Harmonien Geschichten und zu den Rhythmen Humor, und auf einmal konnte Musik nicht nur berühren, sondern argumentieren, erzählen, widersprechen, einen Saal zum Lachen bringen und ihm fast unbemerkt einen Gedanken mit nach Hause geben, der dort vermutlich länger blieb als manches Seminar.

Ich hatte nicht einfach einen neuen Künstler entdeckt.

Ich hatte bemerkt, dass eine Sprache, die ich längst zu kennen glaubte, noch ganze Stadtteile besaß, in denen ich nie gewesen war.

Also begann ich selbst zu schreiben.

Es faszinierte mich, dass Humor Gedanken tragen konnte, ohne sie wie schwere Möbel durch den Haupteingang zu schleppen. Ein absurder Satz öffnete manchmal eine Tür, an der eine nüchterne Erklärung minutenlang gerüttelt hätte, und eine Pointe konnte eine Wahrheit so leicht in den Raum stellen, dass niemand bemerkte, wie schwer sie eigentlich war.

Wieder hatte ich das Gefühl, nichts wirklich Neues zu beginnen.

Die Musik hatte nur ihren Wortschatz erweitert.

Oder ich meinen.

Vielleicht war genau das die Zeit, in der mein Leben begann, sich selbst zu übersetzen. Die Bühne sprach mit dem Unterricht, der Unterricht mit der Turnhalle, die Turnhalle mit dem Klavier, und dazwischen versuchte ich, genug Geld zu verdienen, um weiterhin herausfinden zu können, was all diese Bereiche eigentlich miteinander besprachen.

Das BAföG verlor zuerst die Geduld

Irgendwann in dieser polyphonen Phase stellte das BAföG seine Zahlungen ein.

Die Universität war der Ansicht, ich sei noch nicht fertig.

Das BAföG sah das offenbar anders.

Damit war zumindest eine Sache geklärt: Ich musste arbeiten.

Nicht irgendwann nach dem Studium, nicht nach einer feierlichen Übergabe des Abschlusszeugnisses und einer angemessenen Phase, in der man seine Zukunft bei Tee und vernünftiger Beleuchtung plant, sondern jetzt, während das Studium, der Verein, die Artistik, der Kinderzirkus, das Unterrichten und der Rest meines Lebens ohnehin bereits gleichzeitig versuchten, durch dieselbe Tür zu gehen.

Das war organisatorisch nicht ideal.

Andererseits war Optimismus damals vermutlich die einzige Währung, von der ich ausreichend besaß.

Also unterrichtete ich mehr, übernahm Projekte, gab Kurse, stand auf Bühnen und begann allmählich, aus den Dingen, die bisher vor allem mein Leben ausgefüllt hatten, auch meinen Lebensunterhalt zu bauen. Das Wort „Selbstständigkeit“ klingt dabei wesentlich souveräner, als sich der Vorgang anfühlte. Es klingt nach einem Menschen mit Plan, Aktentasche und geordneten Tabellen.

Bei mir bedeutete es eher:

Mal sehen, ob das trägt.

Die Arbeit begann also nicht nach dem Studium. Sie wuchs mitten hinein, erst als zusätzliche Stimme, dann lauter, bis irgendwann kaum noch zu unterscheiden war, welcher Teil Ausbildung, welcher Beruf, welcher Verein und welcher schlicht das Leben war.

Es gab keinen sauberen Übergang.

Nur Verdichtung.

Eigentlich wollte ich nur fürs Alter vorsorgen

Irgendwann war das Studium tatsächlich vorbei.

Das Geldverdienen leider nicht.

Im Gegenteil: Nun gab es keinen Studiengang mehr, der das Durcheinander wenigstens nach außen als Ausbildungsphase tarnte. Ich war selbstständig, der Verein existierte, Projekte kamen und gingen, Kurse mussten geplant, Rechnungen geschrieben, Technik transportiert, Kinder beschäftigt, Erwachsene motiviert und zwischendurch auch noch Töne gespielt werden, die möglichst so klangen, als hätte jemand vorher Zeit zum Üben gehabt.

Die Bezeichnung „brotloser Künstler“ besitzt ungefähr so lange einen gewissen Charme, bis die Altersvorsorge beginnt, sich für die eigene Existenz zu interessieren.

Also stellte ich mir eine ausgesprochen praktische Frage:

„Wie sorge ich eigentlich vernünftig fürs Alter vor?“

Eine überschaubare Fragestellung, dachte ich.

Ich wollte mich ein wenig mit Finanzen beschäftigen, verstehen, wie man langfristig sinnvoll spart, eine Entscheidung treffen und anschließend vermutlich wieder Klavier unterrichten oder Handstände üben.

Stattdessen landete ich bei Wirtschaft.

Dann bei Märkten.

Dann bei Friedrich August von Hayek.

Dann bei Bitcoin.

Und irgendwann stellte ich überrascht fest, dass ich längst nicht mehr über Geld nachdachte.

Mich beschäftigte plötzlich etwas völlig anderes: Wie finden Millionen Menschen Entscheidungen, obwohl niemand den vollständigen Überblick besitzt? Wie gelangen Informationen dorthin, wo sie gebraucht werden? Warum entstehen manche Ordnungen scheinbar von selbst, während andere trotz bester Absichten erstaunlich schnell zerfallen? Was bedeutet Vertrauen, wenn sich die Beteiligten nie begegnen? Und warum funktioniert Verantwortung offenbar besser, wenn Konsequenzen nicht nur als abstrakte Idee irgendwo im Raum schweben, sondern tatsächlich bei jemandem ankommen?

Eigentlich wollte ich nur herausfinden, wohin ich einen Teil meines Einkommens überweisen sollte.

Das Universum hatte offenbar beschlossen, mir stattdessen Erkenntnistheorie unterzuschieben.

Je mehr ich las, desto häufiger stellte sich dieses merkwürdige Gefühl ein, das mir inzwischen beinahe vertraut geworden war.

Nicht:

„Das habe ich noch nie gehört.“

Sondern:

„Moment mal ... irgendwo kenne ich das doch her.“

Hayek sprach über verteiltes Wissen.

Ich dachte an Ensembles.

An Improvisation.

An Unterricht.

An den Verein.

An Zirkusprojektwochen und den Moment, in dem hundert Kinder plötzlich miteinander arbeiteten, ohne dass ich ihnen jeden einzelnen Schritt erklärte.

Ein Markt war kein Orchester. Ein Preis war kein Ton. Eine wirtschaftliche Krise war keine Dissonanz, auch wenn sie sich für Beteiligte vermutlich ähnlich unentspannt anfühlen konnte. Die Begriffe waren andere, die Mechanismen ebenfalls, und doch hatte ich ständig das Gefühl, dass unter den Sätzen eine Melodie lief, die ich längst kannte.

Es war, als würde jemand dieselbe Geschichte erzählen.

Nur mit einem anderen Akzent.

Damals hielt ich das noch für Zufall.

Heute glaube ich, dass dort verschiedene Sprachen begannen, sich nicht nur zu ähneln, sondern einander tatsächlich zu erklären.

Existenzielle Krisen und andere Freizeitbeschäftigungen

Mit der Philosophie verlief es erstaunlich ähnlich.

Eigentlich hatte ich nie den Plan, mich systematisch durch zweieinhalbtausend Jahre Ideengeschichte zu arbeiten, nicht weil ich sie für unwichtig gehalten hätte, sondern weil ich den Verdacht hatte, zu früh in den Gedanken anderer Menschen einzuziehen, bevor ich überhaupt wusste, ob meine eigenen tragfähig waren.

Mich interessierte zunächst etwas anderes.

Ich wollte wissen, ob meine Gedanken laufen konnten.

Nicht besonders elegant.

Nicht besonders schnell.

Aber wenigstens auf eigenen Beinen.

Also hörte ich Menschen zu, die genau das taten.

Alex O’Connor.

Sam Harris.

Später viele andere.

Sehr viele Stunden.

Vermutlich deutlich mehr, als meinem Nervensystem langfristig gutgetan hat.

Rückblickend verlief diese Zeit ungefähr wie ein Dominospiel, bei dem jede beantwortete Frage zuverlässig drei neue hervorbrachte. Zunächst verschwand der freie Wille, kurz darauf begann Moral zu wackeln, dann kam das Trolley-Problem, gefolgt von Determinismus, Nihilismus, Bewusstsein und Ethik, bis ich irgendwann tatsächlich mit einer Tasse Kaffee in der Hand dasaß und mich vollkommen ernsthaft fragte, ob sie sich überhaupt frei dafür entschieden hatte, Kaffee zu sein.

Existenzielle Krisen besitzen einen bemerkenswerten Humor.

Allerdings meistens erst im Rückblick.

Zum Glück begegnete ich irgendwann den Stoikern, später Yoga, Meditation und Spiritualität, und jedes Mal geschah etwas, das mich inzwischen kaum noch überraschte: Ich war begeistert, nicht weil ich endlich angekommen wäre, sondern weil ich schon wieder eine neue Sprache gefunden hatte.

Interessanterweise blieb ich jedoch nie besonders lange innerhalb ihrer Landesgrenzen.

Ich identifizierte mich nie gern vollständig mit einer Schule, nicht aus Trotz und auch nicht aus Überheblichkeit, sondern weil es sich falsch anfühlte, eine Sprache mit dem Land zu verwechseln, in dem sie gesprochen wurde.

Vielleicht aus demselben Grund, weshalb ich mich nicht ausschließlich als Pole beschreibe, nur weil ich Polnisch sprechen kann, oder als Deutscher, weil ich Deutsch spreche. Eine Sprache zu beherrschen und eine Sprache zu sein, sind zwei völlig verschiedene Dinge.

Warum sollte das bei Philosophien anders sein?

Oder bei Religionen.

Oder bei Wissenschaften.

Oder bei Musik.

Je länger ich darüber nachdachte, desto weniger interessierte mich die Frage:

„Welche Sichtweise ist die richtige?“

Mich beschäftigte plötzlich etwas anderes.

Welche Sprache spricht die Wirklichkeit hier gerade?

Das klingt deutlich esoterischer, als es gemeint ist. Tatsächlich war es beinahe das Gegenteil, denn ich versuchte gerade nicht, überall dasselbe hineinzulesen, die Welt mit einem einzigen Bild zu überziehen und anschließend zufrieden festzustellen, dass sie darunter erstaunlich passend aussah. Wer lange genug sucht, findet für fast jede Idee irgendeine Metapher. Mit ausreichend Fantasie ist selbst ein Toaster ein Modell der menschlichen Seele.

Metaphern interessierten mich deshalb immer weniger.

Muster dagegen immer mehr.

Ich begann, dieselben Gedanken wieder und wieder zu übersetzen. Nicht ins Englische oder Französische, sondern in Musik, Bewegung, Pädagogik, Ökonomie, Philosophie, Biologie und später sogar in Mathematik und Physik, jedes Mal mit der heimlichen Hoffnung, dass die Übersetzung scheitern möge.

Nicht weil ich wollte, dass meine Gedanken falsch waren.

Sondern weil ich dann wenigstens wüsste, wo ihre Grenze lag.

Zu meiner Überraschung geschah häufig das Gegenteil.

Je länger ich übersetzte, desto einfacher wurden die Gedanken.

Nicht komplizierter.

Es war, als würde jede neue Sprache etwas Überflüssiges entfernen. Ein Musiker sprach von Harmonie, ein Artist von Koordination, ein Lehrer von Lernen, ein Biologe von Anpassung, ein Ökonom von Informationssignalen und ein Philosoph von Erkenntnis. Die Wörter hatten auf den ersten Blick erstaunlich wenig gemeinsam, doch darunter schien immer wieder dieselbe Frage zu liegen.

Wie entsteht aus einer Begegnung Veränderung?

Oder noch grundlegender:

Was muss geschehen, damit Wirklichkeit nicht einfach an uns vorbeizieht, sondern tatsächlich etwas in uns verändert?

Mein Lebenslauf war eine Vergleichspartitur

An dieser Stelle geschah etwas, das ich lange Zeit gar nicht bemerkte, vielleicht weil es sich nicht wie eine große Erkenntnis anfühlte, sondern eher wie eine Gewohnheit, die irgendwann so selbstverständlich geworden war, dass ich sie erst bemerkte, als sie längst meinen gesamten Blick auf die Welt verändert hatte.

Ich lernte neue Dinge nicht mehr einfach.

Ich begann sofort, sie zu übersetzen.

Wenn ich etwas über Musik las, dachte ich an Unterricht. Wenn ich unterrichtete, dachte ich an Bewegung. Wenn ich trainierte, dachte ich plötzlich an Philosophie. Hayek sprach über Informationssignale und ich musste an Jam-Sessions denken. Bitcoin stellte Fragen nach Vertrauen und Knappheit, die mir aus Ensemble, Verein und Pädagogik seltsam vertraut vorkamen. Ein Handstand erklärte mir manchmal mehr über Perspektive als manches philosophische Buch, während philosophische Begriffe mir umgekehrt halfen, eine Bewegung zu unterrichten, bei der oben, unten, links und rechts ohnehin nur noch Vorschläge waren.

Anfangs hielt ich das für eine etwas merkwürdige Eigenart meines Gehirns.

Später wurde daraus eine Methode.

Oder zumindest der Versuch einer.

Ich fragte bei einer neuen Disziplin nicht mehr nur, was sie behauptete, sondern welche Sprache sie sprach, und irgendwann wurde selbst das zweitrangig. Mich interessierte plötzlich viel mehr, welche Funktion ihre Begriffe übernahmen.

Genau dort begann etwas Seltsames zu passieren.

Die Wörter wurden immer unterschiedlicher.

Die Rollen erstaunlich ähnlich.

Natürlich meinte Harmonie etwas anderes als Homöostase. Ein Trainingsreiz war kein Marktpreis. Eine Synapse kein Lehrer. Ein Chor keine Familie. Ein Muskel passte nicht besser, nur weil man ihn lange genug als kleines Unternehmen bezeichnete.

Es ging nie darum, diese Dinge gleichzusetzen.

Im Gegenteil.

Je genauer ich hinsah, desto wichtiger wurden ihre Unterschiede, denn gerade sie machten jede Sprache wertvoll. Die Physik konnte Resonanz präziser beschreiben als jeder Musiker. Die Musik konnte Spannung hörbar machen, lange bevor eine Formel erklärte, warum sie funktionierte. Die Bewegung verkörperte Beziehungen, für die der Philosophie manchmal die Worte fehlten. Die Pädagogik beobachtete Entwicklung dort, wo Physik längst schweigen musste. Die Biologie zeigte, wie Stabilität nur durch fortwährenden Austausch erhalten blieb, und die Ökonomie beschrieb, wie Millionen Menschen Informationen koordinierten, ohne dass irgendjemand den vollständigen Plan besaß.

Keine dieser Sprachen war vollständiger als die anderen.

Sie waren unterschiedlich gut darin, verschiedene Ausschnitte derselben Wirklichkeit sichtbar zu machen.

Vielleicht verhält es sich mit ihnen wie mit einem Orchester.

Eine Geige kann wunderschön klingen, wird deshalb aber niemals eine Pauke ersetzen. Ein Horn spielt keinen Kontrabass, und niemand käme auf die Idee, einer Flöte vorzuwerfen, dass sie keine Tuba ist, obwohl sich vermutlich auch dafür irgendwann ein Workshop finden ließe.

Erst wenn die Instrumente zusammenspielen, beginnt man langsam zu ahnen, was der Komponist gemeint haben könnte.

Vielleicht ist es mit unseren Wissenschaften genauso.

Mit Musik.

Mit Bewegung.

Mit Biologie.

Mit Physik.

Mit Pädagogik.

Mit Ökonomie.

Mit Philosophie.

Sie spielen nicht dasselbe.

Gerade deshalb können sie gemeinsam etwas hören.

Und plötzlich ergab auch mein eigener Lebenslauf einen Sinn, nicht weil er auf einmal geradliniger geworden wäre, sondern weil ich zum ersten Mal aufhörte, ihn wie eine Reihe misslungener Berufsentscheidungen zu lesen.

Vielleicht war er nie ein Lebenslauf.

Vielleicht war er eine Vergleichspartitur.

Jahrelang hatte ich versucht herauszufinden, was eigentlich mein Thema sei. Musiker? Artist? Lehrer? Autor? Unternehmer? Philosoph? Irgendetwas davon musste doch das Eigentliche sein, der korrekte Deckel für jene Schachtel, in der noch immer ein paar Jonglierbälle zwischen den Spielfiguren lagen.

Heute glaube ich, dass genau diese Frage das Problem war.

Ich hatte nie ständig neu angefangen.

Ich hatte nie wirklich das Thema gewechselt.

Ich hatte lediglich immer neue Sprachen gelernt.

Und das Merkwürdige war: Keine von ihnen fühlte sich vollständig neu an. Eher wie Dialekte, als würde dieselbe Wirklichkeit jedes Mal mit einem anderen Akzent zu mir sprechen und stillschweigend voraussetzen, dass ich irgendwann begreifen würde, dass sie das Gespräch nie unterbrochen hatte.

Die Wirklichkeit ist mehrsprachig

Rückblickend glaube ich deshalb auch nicht, dass die Theorie an einem bestimmten Tag entstanden ist. Nicht in einer Bibliothek, nicht in einem Seminar und auch nicht während eines besonders tiefgründigen Spaziergangs, bei dem die Sonne angemessen durch die Bäume fiel.

Sie entstand irgendwo zwischen einer Turnhalle, einem Konzertflügel, einer Schulklasse, einem Zirkuskoffer, einem Wirtschaftsbuch, einem Handstand, einer Rechnung, die bezahlt werden wollte, und unzähligen Nächten wie dieser, in denen aus einer kleinen Notiz plötzlich wieder Sonnenaufgang wurde.

Sie begann auch nicht mit einer Antwort.

Sondern mit einer anderen Art zu fragen.

Irgendwann fragte ich nicht mehr zuerst:

„Was ist das?“

Sondern:

„Welche Beziehung schaue ich gerade eigentlich an?“

Das klingt nach einem erstaunlich kleinen Unterschied.

Für mich veränderte er beinahe alles.

Denn plötzlich musste ich gar nicht mehr wissen, was ein Ding an sich war. Es genügte zunächst zu fragen, wodurch es mit etwas anderem verbunden war, welche Rolle es in diesem Zusammenhang übernahm und was geschah, wenn sich diese Beziehung veränderte.

Aus einem Ton wurde eine Beziehung zur Harmonie, zum vorherigen Ton, zum Instrument, zum Raum und zum Menschen, der ihn hörte. Aus einem Trainingsreiz wurde eine Frage an einen Körper mit einer bestimmten Vorgeschichte. Aus einer Unterrichtssituation wurde kein Transportweg für Wissen, sondern ein Feld, in dem Vorwissen, Aufgabe, Aufmerksamkeit, Sprache, Fehler und Rückmeldung miteinander etwas hervorbrachten, das keiner der Beteiligten allein herstellen konnte.

Von da an begann ich beinahe zwangsläufig nach Gegenbeispielen zu suchen.

Nicht nach Bestätigungen.

Bestätigungen sind erstaunlich leicht zu finden. Wenn man lange genug sucht, kann man beinahe alles mit allem vergleichen und anschließend eine Grafik zeichnen, die sehr überzeugend aussieht, solange niemand die Pfeile zu genau prüft.

Mich interessierte der Moment, in dem die Übersetzung scheiterte.

Denn genau dort begann Erkenntnis.

Oder die Theorie musste besser werden.

Also nahm ich dieselben Fragen immer wieder mit: in die Musik, in die Turnhalle, in den Unterricht, in Wirtschaftsbücher, philosophische Gespräche, biologische Modelle, mathematische Funktionen und physikalische Beschreibungen. Nicht um dort Belege zu sammeln, sondern um herauszufinden, ob die Gedanken dort überhaupt überleben würden, ohne dass ich sie mit Gewalt passend machte.

Je häufiger ich übersetzte, desto weniger hatte ich das Gefühl, verschiedene Themen zu untersuchen.

Es fühlte sich eher an, als würde ich verschiedenen Menschen zuhören, die dieselbe Geschichte in ihrer jeweiligen Muttersprache erzählten.

Seitdem frage ich Menschen kaum noch, womit sie sich beschäftigen.

Mich interessiert vielmehr, welche Sprache der Wirklichkeit sie gerade lernen.

Denn ich habe inzwischen den Verdacht, dass die Wirklichkeit mehrsprachig ist.

Musik ist eine ihrer Sprachen.

Bewegung eine andere.

Physik.

Biologie.

Ökonomie.

Philosophie.

Pädagogik.

Jede besitzt ihren eigenen Wortschatz, ihre eigenen Methoden, ihre eigenen Stärken und ihre eigenen blinden Flecken. Keine ersetzt die anderen, aber jede sieht etwas, das die übrigen allein nur schwer erkennen können.

Vielleicht erzählen sie deshalb nicht dieselbe Geschichte.

Das wäre zu einfach.

Vielleicht folgen sie aber derselben Grammatik.

Vielleicht besteht Bildung deshalb gar nicht darin, immer mehr Antworten zu sammeln, bis der Kopf aussieht wie ein überfüllter Dachboden, sondern darin, immer mehr Sprachen zu lernen, in denen die Wirklichkeit bereits die ganze Zeit mit uns gesprochen hat.

Und vielleicht besteht Wissenschaft nicht nur darin, immer tiefer in eine einzige Sprache einzutauchen, sondern irgendwann auch zu prüfen, welche ihrer Strukturen sich übersetzen lassen, welche nicht und warum gerade der Widerstand gegen eine Übersetzung manchmal mehr verrät als die Gemeinsamkeit.

Denn Unterschiede sind keine Störung.

Ohne Unterschiede gäbe es nichts zu hören.

Die fragwürdige Entscheidung

Als ich vor ein paar Stunden den Rechner anmachte, wollte ich eigentlich nur einen einzigen Gedanken festhalten.

Jetzt geht die Sonne auf.

Der Kaffee ist kalt.

Der Schreibtisch sieht aus, als hätte jemand versucht, gleichzeitig eine Musiktheorie, einen Trainingsplan, eine philosophische Abhandlung und einen Botanikatlas zu schreiben und anschließend den Baum mit der Beweisführung beauftragt.

Vermutlich werde ich morgen vieles davon wieder streichen. Ein paar Pfeile werden verschwinden, manche Begriffe andere Namen bekommen, und vielleicht wird sogar die ganze Theorie irgendwann anders aussehen.

Damit hätte ich kein Problem.

Im Gegenteil.

Wenn sie etwas taugt, muss sie Beziehungen eingehen. Sie muss Kritik aushalten, an Gegenbeispielen scheitern dürfen, neue Sprachen lernen und sich verändern, ohne bei jeder Irritation sofort ihren Grundton zu verlieren.

Alles andere würde ihr selbst widersprechen.

Vielleicht ist genau das der Grund, warum ich nie besonders gern nach der einen richtigen Antwort gesucht habe.

Antworten beenden Gespräche.

Gute Fragen beginnen sie.

Und vielleicht war die fragwürdige Entscheidung dieser Nacht deshalb nicht, noch schnell einen Gedanken aufzuschreiben.

Sondern ihn ernst zu nehmen.

Denn die meisten Nächte enden irgendwann mit Schlaf.

Diese hier endete mit einer Frage.

Und Fragen haben die unangenehme Angewohnheit, nicht dort zu bleiben, wo sie entstanden sind. Sie wandern, tauchen plötzlich in einem Musikstück wieder auf, in einer Turnhalle, in einem Unterrichtsgespräch, einem Wirtschaftsbuch, einer philosophischen Diskussion oder zwischen zwei Menschen, die sich gerade fragen, warum dasselbe Ereignis für den einen alles verändert und für den anderen fast spurlos vorübergeht.

Vielleicht beginnt genau dort die Theorie der Entfaltung.

Nicht mit einer Antwort.

Nicht mit einem Modell.

Nicht mit einer Definition.

Sondern mit dem Verdacht, dass die Wirklichkeit schon die ganze Zeit spricht.

Und dass wir sie lediglich in immer neuen Sprachen hören lernen.

Die folgenden Seiten sind deshalb weniger das Ergebnis dieser Nacht.

Sie sind ihre Fortsetzung.

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Warum Melodie mehr weiß als ein Metronom