Social Media ist kein Netzwerk, es ist ein Geräusch

Die Regenbogen-Presswurst hat noch kein Mittag gegessen

Es gibt Wochen, in denen ich kaum sitze.

Nicht, weil ich plötzlich ein besonders disziplinierter Mensch geworden wäre. Sondern weil der Stuhl irgendwann einfach aufgibt und beschließt, dass andere Menschen heute dringender eine Sitzgelegenheit brauchen.

Zirkusprojektwochen sind solche Wochen.

Mehrmals im Jahr arbeite ich mit großen Gruppen von Kindern, manchmal mit bis zu hundertachtzig gleichzeitig. Von außen sieht das erstaunlich romantisch aus: Kinder jonglieren, balancieren, springen, spielen Geschichten, tragen Kostüme und stehen am Ende gemeinsam in einer großen Abschlussshow auf der Bühne. Dazwischen vermutlich ein wenig Gitarre, ein bisschen Fantasie und ausreichend Glitzer, damit sich Pädagogik nicht ganz so sehr nach Organisation anhört.

Von innen ist das etwas differenzierter.

Von innen beginnt der Tag zum Beispiel damit, dass ich im Workshopleiterkoffer nach einem Kostüm für die Anfangspräsentation suche. Die Auswahl besteht häufig zwischen zwei grundsätzlichen Richtungen: Entweder sehe ich aus wie eine Regenbogen-Presswurst oder das Kostüm ist so groß und warm, dass ich mich wie ein Yeti in der Sauna fühle.

Beides besitzt Bühnenwirkung.

Nur eben unterschiedliche.

Danach wird geprüft, ob die Musik für die Abschlussnummer inzwischen fertig geschnitten ist oder weiterhin aus mehreren Dateien besteht, die sich gegenseitig für wichtiger halten als die Dramaturgie. Anschließend muss sie in die gemeinsame Cloud, mit der ich bei praktisch jedem Projekt eine kleine, sehr persönliche Beziehungskrise führe.

Cloud klingt nach Leichtigkeit.

Nach Himmel.

Nach schwereloser Verfügbarkeit.

In Wirklichkeit starre ich auf einen Fortschrittsbalken, der sich mit der inneren Ruhe eines Findlings durch die Zeit bewegt. Irgendwo soll Musik hochgeladen werden, die in wenigen Stunden gebraucht wird, und die Cloud antwortet: Das ist ein interessanter Wunsch. Lass uns zunächst sehr lange darüber nachdenken.

Dann werden Geräte transportiert, Kulissen aufgebaut, Kostüme sortiert und mit den anderen Teamleitern besprochen, wie wir die Geschichte dieser Woche überhaupt erzählen wollen. Die Kinder sollen am Ende nicht einfach eine fertige Erwachsenenidee aufführen. Sie sollen ihre eigenen Einfälle, Bewegungen und Perspektiven einbringen können. Das ist wichtig.

Und organisatorisch vollkommen unvernünftig.

Denn ein Ablauf wird natürlich deutlich übersichtlicher, wenn niemand eigene Ideen hat. Das wäre nur leider auch eine ziemlich trostlose Form von Zirkus.

Also wird geplant.

Und offen gehalten.

Festgelegt.

Und wieder verändert.

Man versucht, die Woche so weit zu tragen, dass die Kinder später selbst tragen können, was dort entsteht. Nicht alles vorwegnehmen. Aber auch nicht einfach hundertachtzig Kinder in einen Raum setzen und hoffen, dass sich Dramaturgie als Naturphänomen bildet.

Dann kommen die Kinder.

Nicht hintereinander.

Gleichzeitig.

Zum Glück beginnt vieles zunächst im Zirkuszelt. Das macht die Sache atmosphärisch sehr schön und akustisch ungefähr so übersichtlich wie ein Gewitter in einer Blechdose.

Kinder besitzen die seltene Fähigkeit, gleichzeitig auf sehr unterschiedlichen Lautstärken zu sprechen und trotzdem gemeinsam den gesamten Raum auszufüllen. Mehrere Dutzend von ihnen probieren dabei zuverlässig die Tragfähigkeit ihres Stimmorgans aus. Das Gebäude antwortet mit Hall.

Ich versuche währenddessen, die Gitarre zu stimmen.

Die Wirklichkeit interessiert sich herzlich wenig dafür, dass ich dabei eigentlich nur eine Sache gleichzeitig machen wollte.

Meine Kreativität liest keinen Kalender

Die Lieder schreibe ich vorher.

Das ist logisch, weil sie bereits am ersten Tag Teil der Anfangsperformance sind. Ich gehe damit in die Manege, spiele Gitarre, singe und öffne über das Lied die Geschichte der Woche. Die Kinder sollen nicht zuerst eine Projektbeschreibung erhalten. Sie sollen in eine Welt hineingerufen werden.

Das klingt schön.

Die Nächte davor sind weniger poetisch.

Meine Kreativität schert sich nicht besonders für Kalendereinträge. Sie findet Deadlines grundsätzlich interessant, aber eher als atmosphärischen Vorschlag. Gleichzeitig besitzt ein Teil von mir eine gewisse Vorliebe für Harmonien, die für ein Kinderlied vielleicht nicht zwingend erforderlich wären.

Dann sitzen zwei Stimmen in meinem Kopf.

Die Vernunft sagt:

Es ist ein Kinderlied.

Der Pianist sagt:

Kinder können eine etwas raffiniertere Wendung durchaus verkraften.

Die Vernunft sagt:

Der Refrain sollte morgen von sehr vielen Kindern gesungen werden können.

Der Pianist denkt über eine harmonische Farbe nach, die sich bestimmt gut anfühlt, sofern alle Beteiligten zufällig vorher Musiktheorie studiert haben.

Zum Glück sind Kinder schlauer, als man ihnen häufig zugesteht. Zumindest denke ich das regelmäßig, wenn ich andere Kinderlieder höre.

Argh.

Ich will keine Musik schreiben, die nur deshalb flach ist, weil Kinder sie singen. Kinder können Mehrdeutigkeit, Spannung, schräge Bilder und überraschende Wendungen tragen. Sie verstehen vielleicht nicht jede musikalische Entscheidung begrifflich. Das müssen sie auch nicht. Musik hat erfreulicherweise nie verlangt, dass man vor dem Mitsingen zunächst eine Analyse abgibt.

Also entstehen Lieder wie „Schnapp die Pusteblume und flieg los“, „Die Spezialeinheit für das bunte Farbenkleid“, „Toms verrückte Eselsküche“, „Wir ziehen an einem Strang“, „Alles läuft rund, oder so …“ oder „Wir wollen Mee(h)r“.

Schon die Titel sind kleine Türen.

Ein Regenbogen hat seine Farben verloren. Eine Reise beginnt auf einer Pusteblume, notfalls dient eine Nussschale als Floß. In Toms Eselsküche fehlen die Gewürze, weshalb Vielfalt plötzlich nicht nur ein pädagogisches Anliegen, sondern eine geschmackliche Notwendigkeit wird. Im Zauberwald braucht ein alter Baum Hilfe. Im Nimmerland fliegt man über Wolken und unter Meeren, möglichst ohne Erwachsene, die sich ständig beschweren.

Man könnte all das nüchterner formulieren.

Das wäre nur deutlich schlechter.

Geschichten brauchen Klang. Und Kinder merken erstaunlich schnell, ob eine Geschichte wirklich eine Welt öffnen will oder nur Lernzielkontrolle in einem Drachenkostüm ist.

Am ersten Tag singe ich das Lied noch selbst.

Später singen die Kinder mit.

Irgendwann gehört es nicht mehr mir.

Das ist keine romantische Behauptung. Man hört es daran, dass sie den Refrain längst anfangen, bevor ich überhaupt Luft geholt habe.

Das Trampolin hat andere pädagogische Pläne

Das Lied ist allerdings nur ein Teil meiner Arbeit vor Ort.

Fast der entspannte.

Die meiste Zeit leite ich bewegungsintensive Workshops an, vor allem Trampolin. Das Angebot zieht nicht nur Kinder an, die ohnehin einen Hang zu Bewegung haben. Das Trampolin selbst besitzt eine gewisse Überzeugungskraft.

Man sprintet los.

Springt auf das Trampolin.

Fliegt.

Landet auf einer sehr einladend weichen Matte, die augenblicklich auch für ungefähr siebzehn andere Tätigkeiten geeignet erscheint.

Dann soll man bitte wieder aufstehen, zurückgehen, sich in der Schlange anstellen und warten.

Theoretisch ist das ein klarer Ablauf.

Praktisch hat der Körper gerade eine andere Information erhalten.

Der Puls ist oben. Der ganze Organismus wurde auf Bewegung gestimmt. Die Matte ist weich. Das Trampolin steht sichtbar im Raum. Andere Kinder springen weiter. Und nun soll selbst das ruhigste Kind plötzlich regungslos in einer Reihe stehen, als hätte es gerade nicht erfahren, dass Menschen fliegen können.

Das gelingt unterschiedlich gut.

Verständlich.

Und lebendig.

Man könnte das Verhalten einfach als Unruhe bezeichnen. Dann hätte man schnell ein Wort und müsste nicht mehr so genau hinhören. Aber der Körper sagt häufig etwas viel Präziseres: Ich bin gerade vollständig auf Bewegung eingestellt. Mein Feld ruft Springen. Die soziale Form verlangt Warten. Bitte vermittelt das irgendwie miteinander.

Das ist die eigentliche Arbeit.

Nicht nur erklären, wie ein Sprung funktioniert. Sondern wahrnehmen, was in den Kindern gerade antwortet. Wer ist aufgeregt? Wer überdreht? Wer hat Angst und versteckt sie hinter Aktivität? Wer braucht einen klaren Rahmen? Wer braucht eine zweite Chance? Wer muss sich kurz bewegen, damit er danach überhaupt wieder hören kann?

Hundertachtzig Kinder antworten nicht mit einem Mikrofon.

Sie antworten mit Körpern.

Mit Blicken, Müdigkeit, Begeisterung, Angst, Ideen, Rückzug, Lautstärke und völliger Stille. Manche Antworten sind so deutlich, dass sie quer durch das Zelt laufen. Andere stehen einfach am Rand und bewegen sich keinen Zentimeter.

Von außen kann das wie Desinteresse aussehen.

Manchmal ist es Überforderung.

Manchmal Konzentration.

Manchmal braucht der Mut noch ungefähr drei Atemzüge.

Manchmal wartet ein Kind nur darauf, dass nicht mehr alle hinschauen. Dann macht es plötzlich den ersten Schritt.

Die Wirklichkeit antwortet ständig.

Sie benutzt nur erstaunlich selten ganze Sätze.

Eine gute Erklärung kann die falsche Antwort sein

Früher dachte ich häufiger, Unterrichten bedeute vor allem, gute Erklärungen zu finden.

Das stimmt nicht ganz.

Eine gute Erklärung ist nützlich. Aber sie ist bereits eine Antwort. Wenn ich die Frage falsch gehört habe, kann selbst eine brillante Antwort sehr präzise am Menschen vorbeigehen.

Vielleicht beginnt Didaktik deshalb nicht mit Wissen.

Vielleicht beginnt sie mit Urteilskraft.

Mit der Fähigkeit zu unterscheiden, welche Schicht gerade spricht. Der Kopf kann längst verstanden haben, was zu tun ist, während der Körper noch keine passende Erfahrung besitzt. Ein Kind kann sagen, dass es sich traut, und trotzdem einen Schritt vor dem Trampolin langsamer werden. Ein anderes behauptet vielleicht, dass es keine Angst hat, während sein ganzer Körper gerade einen ausführlichen Gegenantrag formuliert.

Eine Erklärung erreicht Sprache.

Eine Erfahrung erreicht möglicherweise eine andere Oktave.

Das ist einer der Gründe, warum Bewegung so wertvoll ist. Der Körper kann antworten, ohne vorher einen korrekten Satz bilden zu müssen. Und manchmal versteht der Kopf erst später, was der Körper bereits gelernt hat.

Didaktik ist die Kunst, den nächsten resonanzfähigen Ton zu finden.

Nicht den klügsten.

Nicht den vollständigsten.

Den nächsten.

Das kann eine Erklärung sein. Eine kleinere Aufgabe. Ein Blick. Eine Pause. Ein gemeinsamer Versuch. Ein anderer Rhythmus. Manchmal auch schlicht die Erlaubnis, noch nicht so weit zu sein.

Bei bis zu hundertachtzig Kindern ist das nicht immer elegant.

Man entwickelt irgendwann einen Blick, der gleichzeitig an mehreren Orten sein möchte. Dazu kommt der Zeitplan. Am Ende der Woche soll eine Aufführung stehen, die gut genug organisiert ist, dass die Kinder auf der Bühne wirklich etwas tragen können, ohne dass wir Erwachsenen vorher jede lebendige Abweichung aus dem Prozess gebügelt haben.

Das ist ein eigenartiges Gleichgewicht.

Zu wenig Form, und die Woche zerfällt.

Zu viel Form, und die Kinder verschwinden darin.

Eigentlich ist das die ganze Theorie in einer Turnhalle.

Erinnerung und Planung suchen Stabilität durch Form. Leben antwortet durch Beweglichkeit. Entfaltung geschieht dort, wo beides zusammen eine Show trägt, die vorher noch nicht vollständig feststehen konnte.

„Ungefähr“ ist ein tragfähiger Fachbegriff

Am Ende der Woche kommt die Aufführung.

Bis dahin fühlt sich alles gleichzeitig völlig unter Kontrolle und kurz vor dem Zusammenbruch an.

Eine interessante Mischung.

Die Kostüme liegen bereit. Die Kulissen stehen. Die Musik funktioniert hoffentlich und hat ihren langen Weg durch die Cloud überlebt. Die Reihenfolge stimmt. Die Kinder wissen ungefähr, wann sie wohin laufen sollen.

„Ungefähr“ ist dabei ein erstaunlich tragfähiger Fachbegriff.

Dann geht das Licht an.

Die Musik beginnt.

Und dieselben Kinder, die am Anfang der Woche vielleicht kaum laut ihren Namen sagen wollten, stehen plötzlich im Kostüm auf der Bühne. Manche kommen aus schwierigen Verhältnissen. Manche tragen Biografien mit sich, die bereits deutlich mehr Gewicht haben, als man einem Kind wünschen würde.

Jetzt stehen sie dort.

Sie singen.

Jonglieren.

Balancieren.

Spielen.

Sie zeigen, was sie gelernt und mitgestaltet haben. Und wenn wir das Lied gemeinsam singen, verändert sich der Raum. Die einzelnen Workshops, Bewegungen, Kostüme und Geschichten fallen für einen Moment nicht mehr auseinander. Sie antworten aufeinander.

Man spürt Energie.

Das klingt schnell esoterisch, wenn man es von außen behauptet.

Im Raum ist es erstaunlich konkret.

Da sind Körper im Licht. Stimmen. Anspannung. Eltern im Publikum. Kinder, deren Augen strahlen. Ein gemeinsamer Rhythmus. Eine Geschichte, die eine Woche lang durch sehr viele Hände gegangen ist und jetzt für einen Moment von allen getragen wird.

Nicht perfekt.

Lebendig.

Das ist etwas anderes.

Bedeutsamkeit ist Resonanz mit Gewicht für die Fortsetzung.

Vielleicht sehen die Eltern in diesem Moment nicht nur einen Auftritt. Vielleicht sehen sie eine neue Möglichkeit ihres Kindes. Vielleicht sehen die Kinder sich selbst anders. Vielleicht bleibt von der ganzen Woche später nur eine Melodie, ein Kostüm, ein Sprung oder ein kurzer Moment im Licht.

Ich weiß es nicht.

Die Wirklichkeit gibt ihre Langzeitauswertung nur ungern direkt nach der Aufführung bekannt.

Erinnerung hat einen seltsamen Geschmack

Monate oder Jahre später laufe ich durch Weimar.

Ich denke an etwas völlig anderes. Vielleicht daran, dass ich noch einkaufen muss. Oder daran, dass mein Trainingsplan für diese Woche wieder deutlich optimistischer war als meine Regeneration.

Dann lächelt mich jemand an.

Ein Kind.

Oder inzwischen eher ein Jugendlicher.

Kinder wachsen erschreckend schnell. Man erkennt sie manchmal erst an ihrem Grinsen. Oder daran, dass sie plötzlich anfangen zu singen:

„Schnapp die Pusteblume und flieg los …“

Manche erkennen mich als Fred den Maulwurf wieder.

Andere als Bob den Busfahrer.

Dann brauche ich kurz, bis sich in meinem Kopf eine alte Projektwoche öffnet. Ein Gesicht wird wieder kleiner. Eine Halle erscheint. Ein Lied. Eine Rolle. Eine gemeinsame Geschichte.

Interessanterweise erinnern sich die Kinder selten daran, welche Jonglierübung wir am dritten Tag gemacht haben. Sie erzählen mir auch nicht, wie oft wir den Ablauf geprobt haben oder ob meine Harmonisierung im Refrain pädagogisch vertretbar war.

Aber das Lied …

… das ist geblieben.

Es ist weitergereist.

Nicht nur als Aufnahme.

Als Beziehung.

Das ist etwas ungünstig für die gesellschaftlich anerkannte Vorstellung von Messbarkeit. Denn offenbar hat die Erinnerung entschieden:

Die genaue Workshopstruktur?
Muss nicht unbedingt bleiben.

Aber:

Fred der Maulwurf und ein Refrain über eine Pusteblume?
Sofort in die innere Schatzkammer. Goldrahmen drum.

Das ist seltsam.

Und sehr aufschlussreich.

Was ist da eigentlich geblieben?

Nicht einfach das Lied. Das wäre zu kurz gedacht. Eine Melodie kann als Datei existieren. Sie kann in einer Cloud liegen, sofern diese sich irgendwann zu einem Upload überreden lässt.

Aber die Welt der Woche lässt sich nicht mit hochladen.

Die Kinder. Das Bühnenlicht. Die Anspannung. Die eigene Bewegung. Die anderen Stimmen. Das Gefühl, Teil einer Geschichte zu sein. Vielleicht hat sich all das in einer Melodie verdichtet.

Wenn der Refrain Jahre später zurückkehrt, kommt nicht nur Musik zurück.

Ein ganzes Feld antwortet.

Früher hätte ich daraus einen Beitrag gemacht

Vor vielen Jahren war ich ziemlich aktiv auf Instagram und anderen Plattformen.

Ich hatte Reichweite. Ich schrieb Blogartikel, drehte Trainingsinhalte und veröffentlichte Texte über Handstand, Beweglichkeit und Training. Häufig mit Titeln wie:

Die besten Beweglichkeitsübungen, die du noch nicht kennst.

Heute sehe ich darin eine gewisse Zuversicht.

Vor allem gegenüber meinem Wissen darüber, was fremde Menschen kennen.

Es funktionierte. Ich wurde sichtbarer, lernte Menschen kennen und bekam Zugang zu Begegnungen, die ohne Social Media vermutlich nicht entstanden wären. Ich habe mit Niko Rittenau zu Abend gegessen, Moving Monkey getroffen und noch einige andere Menschen, die ich danach nie wieder gesehen habe.

Das macht diese Begegnungen nicht unecht.

Eine Tür bleibt eine Tür, auch wenn man nur einmal hindurchgeht.

Aber eine Tür ist noch kein Zuhause.

Damals schrieb ich außerdem anders. Nicht unbedingt schlechter. Aber aus einer anderen Haltung. Ich schrieb weniger, um einen Gedanken zu bewegen, sondern eher, um aufzutreten, als hätte ich die Antwort bereits gefunden.

Das Internet belohnt diese Form.

Eine Überschrift wie „Ich habe eine Weile darüber nachgedacht und bin mir nicht sicher, aber vielleicht sollten wir gemeinsam genauer hinsehen“ besitzt vermutlich eine eher überschaubare Klickdynamik.

„Die fünf Fehler, die fast alle machen“ klingt deutlich entschlossener.

Man muss dann nur hoffen, dass es genau fünf sind.

Mit der Zeit entstand ein Druck. Wenn ich längere Zeit nichts veröffentlichte, meldete sich etwas in mir.

Du solltest wieder posten.

Du solltest wieder schreiben.

Die Reichweite sinkt.

Die Likes bleiben aus.

Nicht unbedingt, weil ein Gedanke nach Form suchte. Manchmal suchte eher die vorhandene Form nach Fortsetzung.

Das ist ein wichtiger Unterschied.

Form versucht, sich zu erhalten.

Eine Identität als sichtbarer Fachmensch hatte Gewicht bekommen. Sie besaß Reichweite, Kontakte, Bestätigung und eine gewisse Vorstellung davon, wie ihre Fortsetzung aussehen sollte. Also verlangte sie nach dem nächsten Beitrag.

Nicht boshaft.

Nicht dramatisch.

Eher wie der Gameboy im Regal.

Nur mit Push-Benachrichtigungen.

Schön anzuschauen, aber nicht ganz echt genug

Meine Beziehung zu Social Media fühlte sich in den letzten Jahren zunehmend ähnlich an wie meine Beziehung zu Urlaub.

Schön anzuschauen.

Aber irgendwie nicht echt genug.

Damit meine ich nicht, dass dort alles falsch wäre. Die Menschen sind real. Die Inhalte können hilfreich sein. Gespräche können entstehen. Türen können sich öffnen.

Aber die Oberfläche ist sehr gut darin, den Eindruck von Beziehung zu erzeugen, bevor Beziehung tatsächlich Zeit bekommen hat.

Man sieht Gesichter.

Kennt Meinungen.

Verfolgt Alltag.

Reagiert.

Wird gesehen.

Und trotzdem kann all das erstaunlich folgenlos bleiben.

Das ist vielleicht die eigentliche Ambivalenz. Social Media überträgt reale Signale. Likes, Kommentare, Nachrichten und Reichweite sind keine Halluzinationen. Etwas antwortet.

Die Frage ist nur:

Was?

Auf den Gedanken?

Auf das Bild?

Auf den Titel?

Auf eine Erinnerung?

Auf die eigene Zugehörigkeit?

Auf eine gute Verpackung?

Auf Reiz?

Auf Beziehung?

Viele Antworten liegen übereinander. Wie Stimmen, die gleichzeitig dieselbe Turnhalle ausfüllen. Man spürt, dass etwas geschieht, aber die Beziehungen bleiben undeutlich.

Vielleicht ist genau das Rauschen.

Nicht bedeutungslose Information.

Sondern Antwort, deren Grundton noch nicht hörbar geworden ist.

Ein Signal hebt sich erst hervor, wenn Wahrnehmung einen Unterschied erkennen kann. Urteilskraft muss anschließend fragen, was dieser Unterschied trägt.

Social Media produziert nicht zu wenig Signale.

Eher sehr viele.

Das ist etwas anderes.

Die Likes blieben aus. Sonst nichts.

Irgendwann postete ich weniger.

Nicht als große Entscheidung. Kein dramatischer Abschied. Kein Beitrag darüber, dass ich mich jetzt aus der digitalen Welt zurückziehe, um wieder ganz bei mir anzukommen. Das wäre vermutlich ein solider letzter Beitrag gewesen.

Ich veröffentlichte einfach seltener.

Dann noch seltener.

Die Likes blieben aus.

Und es veränderte sich gar nichts.

Das hat mich ehrlich gesagt gefreut.

Meine Freunde waren noch da. Ich unterrichtete. Trainierte. Stand auf Bühnen. Leitete Motion Playground. Schrieb Lieder. Gab Workshops. Traf Menschen. Verletzte mich, erholte mich, machte Pläne, verwarf sie wieder und versuchte weiterhin, Mittagessen an Stellen im Tagesablauf zu quetschen, an denen die Wirklichkeit kurz nicht aufpasste.

Das Leben verlor keine entscheidende Handlungsfähigkeit.

Nur das Rauschen wurde geringer.

Das ist eine bemerkenswert nüchterne Rückmeldung. Eine Form, von der ich geglaubt hatte, sie sei wichtig für meine Sichtbarkeit und vielleicht sogar für meine Identität, verschwand zu großen Teilen aus meinem Alltag.

Und der harte Boden der Wirklichkeit sagte:

Gut.

Weiter.

Vielleicht hatte ich Aufmerksamkeit mit Resonanz verwechselt.

Ein Like kann Aufmerksamkeit anzeigen. Es kann Freude ausdrücken, Zustimmung, Gewohnheit, Unterstützung oder bloß einen Daumen, der ohnehin schon auf dem Bildschirm unterwegs war.

Das ist nicht nichts.

Aber es ist auch noch keine Beziehung.

Verbindung ist Kontakt. Beziehung ist Kontakt mit Rückbindung.

Ein Netzwerk hat keinen Einschaltknopf

Was ein lebendiges Netzwerk ist, sehe ich viel deutlicher bei Motion Playground.

Wenn jemand neu in den Open Playground kommt, ist er zunächst einfach da. Er kennt niemanden. Niemand kennt ihn. Er probiert etwas aus. Jemand zeigt ihm einen kleinen Trick. Ein anderer sichert kurz einen Handstand.

Später räumt er mit auf.

Einige Wochen später erklärt er selbst einem Neuen etwas.

Irgendwann hilft er beim Aufbau einer Veranstaltung, bringt Kuchen mit oder bleibt nach dem Training noch sitzen, obwohl längst niemand mehr trainiert.

Wann genau wurde daraus ein Netzwerk?

Es gibt keinen eindeutigen Moment.

Keinen Knopf.

Keinen Vertrag.

Kein Zertifikat mit der Aufschrift: Herzlichen Glückwunsch, Sie befinden sich nun in tragfähiger Beziehung.

Es gibt viele kleine Antworten.

Jemand hilft.

Jemand hört zu.

Jemand wartet.

Jemand fängt einen Sturz.

Jemand übernimmt Verantwortung für einen Raum, obwohl er ihm nicht allein gehört.

Und irgendwann haben diese Antworten genug Gewicht.

Sie werden Erinnerung.

Erwartung.

Vertrauen.

Kultur.

Ein Netzwerk entsteht dort, wo Antworten anfangen, sich gegenseitig zu tragen.

Das ist etwas anderes als eine hohe Zahl von Verbindungen. Ein lebendiges Netzwerk besteht nicht aus möglichst vielen Kontakten, sondern aus verantwortbarer Beziehungsdichte.

Eine Zirkusprojektwoche ist dafür ein erstaunlich gutes Beispiel. Bis zu hundertachtzig Kinder, viele Workshops, Teamleiter, Räume, Geräte, Lieder, Zeitpläne und Geschichten sind miteinander verbunden. Das allein ergibt noch keine Show.

Erst wenn Antworten aufeinander bezogen werden, entsteht ein gemeinsames Feld. Die Idee eines Kindes verändert eine Szene. Eine Szene verändert die Musik. Die Musik trägt den Übergang. Ein Workshop gibt Material an die Gesamtgeschichte. Die Erwachsenen halten so viel Form, dass die Kinder darin beweglich werden können.

Und am Ende trägt niemand die Aufführung allein.

Kultur ist schlecht dokumentiert

Vielleicht funktioniert Kultur genauso.

Sie entsteht nicht dadurch, dass alle dieselben Regeln gelesen haben. Sie entsteht, wenn Menschen beginnen, Verantwortung füreinander und für einen Raum mitzutragen, ohne jedes Mal neu gefragt zu werden.

Das Faszinierende ist, dass sich dieser Übergang kaum direkt beobachten lässt.

Man bemerkt ihn häufig erst, wenn jemand fehlt.

Oder wenn jemand Neues hinzukommt.

Dann wird plötzlich sichtbar, dass Dinge passieren, die niemand vollständig aufgeschrieben hat. Menschen helfen. Warten. Erklären. Korrigieren. Lassen Raum. Setzen Grenzen. Räumen auf. Bleiben.

Kultur ist Erinnerung, die zwischen Menschen wohnt.

Sie ist erstaunlich schlecht dokumentiert.

Aber hervorragend verkörpert.

Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb ein Lied aus einer Projektwoche Jahre später mehr Gewicht tragen kann als ein erfolgreicher Beitrag. Nicht, weil analog grundsätzlich besser wäre. Nicht, weil Kinderlieder edler sind als Instagram.

Sondern weil das Lied Teil einer gemeinsam getragenen Fortsetzung wurde.

Es wurde gesungen.

Bewegt.

Aufgeführt.

Erinnert.

Zurückgegeben.

Ein Beitrag kann das ebenfalls schaffen. Aber Reichweite allein zeigt es nicht.

Reichweite ist nur eine Eigenschaft eines Raumes.

Sie sagt noch nichts darüber aus, ob dort Leben entsteht.

Die Wirklichkeit führt keine hilfreichen Statistiken

Wenn ich heute schreibe, frage ich mich weniger:

Wie viele Menschen werden das lesen?

Mich interessiert eher:

Kann dieser Gedanke irgendwo Wurzeln schlagen?

Das ist eine langsamere Frage.

Und gleichzeitig eine deutlich ungeduldigere. Reichweite kann man nach wenigen Stunden messen. Beziehung manchmal erst Jahre später.

Für Menschen, die gerne Tabellen führen, ist das ein ausgesprochen unpraktisches Verfahren.

Bei meinen Liedern ist es genauso. Ich weiß vorher nicht, welches bleibt. Manchmal halte ich ein Stück selbst für besonders gelungen. Jahre später singt ein inzwischen fast erwachsener Mensch ausgerechnet ein anderes. Vielleicht eines, bei dem ich beim Schreiben dachte:

Na gut.

Das erfüllt seinen Zweck.

Offenbar hatte die Wirklichkeit eine andere Meinung.

Sie antwortet eben.

Nicht immer dort, wo ich sie vermute.

Das gefällt meinem Ego nur mittelmäßig. Ich hätte gerne eine Auswertung. Welche Sätze bleiben? Welche Übungen? Welche Lieder? Welche Begegnungen? Welche Artikel? Welche Ideen?

Die Wirklichkeit beantwortet das erstaunlich selten im Voraus.

Meistens sagt sie nur:

Mach erst einmal.

Dann sehen wir weiter.

Das ist als Arbeitsanweisung ausgesprochen unpräzise.

Aber bislang erstaunlich zuverlässig.

Social Media ist kein Netzwerk. Es kann eines eröffnen.

Vielleicht war Social Media nie das Problem.

Vielleicht hatte ich nur zu viel von der Verbindung verlangt.

Social Media kann Signale übertragen. Es kann Türen öffnen, Menschen sichtbar machen, Ideen verbreiten und Begegnungen ermöglichen. Einige dieser Begegnungen werden Berührungen bleiben. Andere können Beziehungen werden.

Aber den Weg durch die Tür muss noch jemand gehen.

Eine Tür ist kein Zuhause.

Ein Kontakt ist keine Beziehung.

Ein Like ist kein Vertrauen.

Ein Follower ist kein Feld.

Vielleicht ist Social Media deshalb zunächst einmal kein Netzwerk.

Es ist ein Geräusch.

Nicht weil dort nichts Bedeutungsvolles geschieht. Sondern weil sehr viele Schwingungen gleichzeitig auftreten und ihre Beziehungen oft unklar bleiben. Erst Wahrnehmung macht daraus Signale. Urteilskraft unterscheidet ihre Qualität. Wiederkehr, Konsequenz, Erinnerung und Verantwortung können aus Kontakt Beziehung werden lassen.

Dann kann auch aus einem digitalen Anfang ein lebendiges Netzwerk entstehen.

Aber nicht durch die Verbindung allein.

Ein lebendiges Netzwerk besteht aus getragenen Antworten.

Aus Menschen, die ein Stück Zukunft füreinander und miteinander tragen. Nicht, weil ein Algorithmus sie nebeneinander angezeigt hat, sondern weil ihre Antworten Gewicht bekommen haben.

Und manchmal beginnt so eine Beziehung nicht mit einem Klick.

Sondern mit einem Lied.

Ein Lied, das in einer zu kurzen Nacht entstanden ist, weil Kreativität keine Kalender liest. Das am ersten Tag von einem Erwachsenen mit Gitarre in die Manege getragen wird. Das im Laufe einer Woche durch viele Kinderstimmen wandert, im Bühnenlicht eine gemeinsame Form bekommt und Jahre später plötzlich auf einer Straße in Weimar zurückkehrt.

Dann antwortet die Wirklichkeit.

Nicht mit einer Statistik.

Mit einer Stimme.

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Atmen ist keine Wellness

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