Atmen ist keine Wellness
Der Kung-Fu-Meister auf dem Klodeckel
Es gibt ein Video von mir, auf dem ich als kleiner Junge im Badezimmer auf dem geschlossenen Klodeckel stehe und gefragt werde, was ich später einmal werden möchte.
Ich antworte ohne erkennbare Zweifel. Dazu mache ich eine Armbewegung, die vermutlich irgendwo zwischen Kung-Fu, Power Rangers und einem Kind liegt, das gerade sehr überzeugt versucht, die Luft zu zerschneiden.
„Ich werde mal Kung-Kung-Fu-Meister.“
Die doppelte Silbe gehörte offenbar bereits zur Ausbildung.
Gesagt, getan.
Zumindest der Anfang.
Ich ging zum Karate, später zum Boxen, zum Kickboxen und zur Selbstverteidigung. Über die Jahre landete ich schließlich beim Taekwondo, auch weil meine Klavierprofessorin die durchaus nachvollziehbare Ansicht vertrat, es sei keine besonders kluge Schwerpunktsetzung, meine Klavierhände regelmäßig als Schlaginstrumente zu benutzen.
Das Klavierstudium besitzt da eine gewisse konservative Haltung.
Finger sollen Tasten treffen.
Keine Menschen.
Meine Erinnerungen an das Taekwondo sind sehr positiv. Ich hatte einen großartigen Trainer, und überhaupt hatte ich mit meinen Lehrern in vielen Freizeitbereichen erstaunlich viel Glück. Menschen, die etwas konnten, ohne daraus automatisch eine Religion zu machen. Menschen, die forderten, aber nicht jede Anstrengung mit pädagogischem Donner begleiten mussten.
Gürtelprüfungen interessierten mich allerdings nur begrenzt. Ich wollte trainieren. Die Farben um meine Hüfte waren mir eher egal. Mein Trainer sah das etwas anders und bewegte mich irgendwann doch dazu, den Schwarzgurt abzulegen.
Der liegt heute noch irgendwo im Schrank. Vermutlich neben anderen Dingen, die einmal sehr wichtig waren und inzwischen hauptsächlich beweisen, dass Erinnerung erstaunlich viel Stauraum verlangt.
Was mir von ihm aber fast noch deutlicher geblieben ist als Techniken und Formen, ist seine Stimme.
„Einatmeeee.“
Pause.
„Ausatmeeee.“
Er sagte das oft. Beim Dehnen. Bei Formen. Vor Techniken. Nach Belastung. Eigentlich ständig.
Ich fand das ein wenig albern.
Als ob ich dafür eine Anweisung bräuchte.
Atmen konnte ich.
Sogar im Schlaf.
Der Körper unterschreibt nicht jeden Plan
Jahre später kam ich auf die grandiose Idee, eine Eisbadegruppe zu gründen.
Irgendwo zwischen Wim Hof, Joe Rogan und meinem inneren Saiyajin hatte sich der Gedanke festgesetzt, dass kaltes Wasser vermutlich genau die Art von unnötig unangenehmer Erfahrung sei, die körperlich gesund, mental stärkend und im Rückblick sehr charakterbildend sein würde.
Vor meinem inneren Auge stand ich bereits stoisch unter einem eisigen Wasserfall. Unbeweglich. Konzentriert. Vollkommen Herr meiner selbst.
Im Hintergrund vermutlich alte Kung-Fu-Filmmusik.
Die Wirklichkeit bestand dann zunächst aus Schneematsch und der Ilm.
Das war weniger filmisch.
Aber deutlich näher.
Allein wollte ich trotzdem nicht hineingehen. Zum einen, weil eine Gruppe Verantwortung und Sicherheit erhöht. Zum anderen, weil Stoizismus in Gesellschaft deutlich einfacher ist. Wenn mehrere Menschen gleichzeitig frieren, wirkt die eigene Entscheidung weniger offensichtlich fragwürdig.
Also startete ich die Initiative aus dem Verein heraus.
Und weil ich der Initiator war, wollte ich natürlich nicht verantwortungslos damit umgehen. Ich suchte Informationen, las über Vorbereitung, mentale Strategien, Atemübungen und mögliche Reaktionen des Körpers. Ich überlegte, welche Worte ich vorher sagen sollte, was wir mitnehmen mussten und wie das Ganze möglichst vernünftig ablaufen könnte.
Die Materialliste hatte irgendwann ungefähr den Umfang einer kleineren Bergwanderung.
Handtücher. Warme Kleidung. Wechselkleidung. Schuhe. Mützen. Heißgetränke. Matten. Und vermutlich noch ein paar Dinge, von denen ich annahm, dass Menschen ohne sie in Mitteleuropa unmittelbar der Natur zurückgegeben werden.
Dann war es endlich so weit.
Schneematsch lag herum. Die Luft war kalt. Die Ilm wartete.
Alle Vorbereitungen waren getroffen.
Jetzt nur noch raus aus den Klamotten.
Rein ins Wasser.
Eine sehr einfache Abfolge.
Theoretisch.
Praktisch stand ich am Ufer und stellte fest, dass der Abstand zwischen einem Plan und kaltem Flusswasser erstaunlich groß sein kann.
Irgendwann setzte sich die Sturheit durch. Oder der Gruppendruck. Oder mein innerer Saiyajin, der bereits zu viel Vorbereitungszeit investiert hatte, um jetzt würdevoll den Rückzug anzutreten.
Also ging ich hinein.
Das Wasser war kalt.
Diese Feststellung wirkt banal, bis Kälte den ganzen Körper gleichzeitig informiert.
Der Atem stockte sofort.
Nicht ein bisschen.
Er war weg.
Obwohl ich genau wusste, was ich tun wollte. Obwohl ich die Atemübungen kannte. Obwohl ich vorbereitet war. Obwohl mein Kopf längst beschlossen hatte, ruhig und kontrolliert zu bleiben.
Mein Körper hatte den Vertrag nicht unterschrieben.
Die Kälte hatte ihn noch nicht eingefroren.
Aber meinen Atem schon.
Und plötzlich verstand ich, ohne es damals so zu formulieren, etwas sehr Grundsätzliches: Ich konnte im Kopf vollkommen mutig sein, während mein Körper längst eine andere Führung übernommen hatte.
Der Atem verriet es.
Die Kälte hört nicht auf Argumente
Das Interessante am kalten Wasser ist, dass es nur begrenzt empfänglich für Erklärungen ist.
Man kann ihm sagen, dass man vorbereitet ist.
Es bleibt kalt.
Man kann sich versichern, dass andere Menschen das regelmäßig machen.
Es bleibt kalt.
Man kann sich innerlich auf alte Kung-Fu-Meister berufen.
Die Ilm kennt sie nicht.
Sie antwortet direkt.
Der Atem wird kurz. Die Schultern ziehen hoch. Der Brustkorb wird eng. Der Körper versucht, aus der Situation eine sehr dringliche Angelegenheit zu machen.
Und vielleicht ist sie das aus seiner Sicht auch.
Der Kopf nennt es Eisbaden.
Der Körper nennt es: Warum sitzen wir freiwillig in einem Fluss?
Das ist eine berechtigte Rückfrage.
Mit der Zeit wurde es besser. Die Vorbereitung half. Die Gruppe half. Vor allem aber half die wiederholte Erfahrung, dass der Reiz stark war, ohne automatisch eine Katastrophe zu werden.
Der Atem kam zurück.
Nicht, weil die Kälte verschwand.
Sondern weil der Körper langsam lernte, dass er in dieser Kälte noch antworten konnte.
Das wurde zu einem wöchentlichen Ereignis. Es machte keinen Spaß.
Aber irgendwie dann doch.
Eine Form von Freude, die erst nach dem Aussteigen beginnt und rückwirkend behauptet, das Ganze sei großartig gewesen.
Je selbstverständlicher das Eisbaden wurde, desto geringer wurde allerdings der Reiz, es weiterzuführen. Mein innerer Saiyajin interessiert sich offenbar weniger für Gesundheit als für Trainingsmontagen. Sobald etwas zur normalen Wochenplanung gehört, fehlt ihm ein wenig die dramatische Fallhöhe.
Vielleicht sollte ich wieder anfangen.
Zum Glück ist gerade Sommer.
Die Stimme hatte keine sichtbare Stellschraube
Nach dem Klavierstudium begann ich Schulmusik zu studieren.
Wenn ein Klavierstudium die Nadel ist, dann ist Schulmusik der Heuhaufen.
Plötzlich musste man alles machen: dirigieren, Musiktheorie, Pädagogik, weitere Instrumente und unter anderem Gesang. Insgesamt hatte ich ungefähr fünf Jahre Gesangsunterricht. Leider war ich zu diesem Zeitpunkt nicht besonders empfänglich für vieles davon. Das ist bei Unterricht manchmal tragisch: Ein guter Hinweis trifft auf eine Schicht, die gerade noch mit anderen Dingen beschäftigt ist, und liegt dann jahrelang irgendwo herum, bis das Leben ihn später wiederfindet.
Viele Jahre danach lernte ich durch meine Arbeit an der Musikschule eine Kollegin näher kennen. Irgendwann kam sie zu mir ins Training, aus Kontakt wurde Freundschaft, und ich dachte:
Vielleicht ist Gesangsunterricht doch eine gute Idee.
Diesmal könnte ja etwas hängen bleiben.
Die menschliche Stimme ist ein eigenartiges Instrument.
Beim Krafttraining kann ich Muskeln spüren. Beim Handstand merke ich Druck, Linie und Balance. Am Klavier kann ich kleinste Bewegungen in Fingern und Händen verändern und unmittelbar hören, was daraus wird.
Beim Singen war das anders.
Ich bekam Feedback über den Körper und über die Ohren, aber dazwischen fehlte mir häufig die Stellschraube. Ich hörte, dass etwas nicht ganz funktionierte. Ich spürte, dass der Körper beteiligt war. Nur die höflich beschriftete Taste mit der Aufschrift „Bitte jetzt schöner singen“ war nirgends zu finden.
Zum Glück war der Unterricht hervorragend.
Ich setzte mich plötzlich mit verschiedenen Strängen der Zungenmuskulatur auseinander, stand auf Wackelbrettern und machte seltsame Laute in die Ferne, obwohl der Raum objektiv gar nicht so groß war.
Man fühlt sich dabei zunächst nicht unbedingt wie ein Künstler.
Eher wie jemand, der in einem sehr gut ausgestatteten Experiment zur menschlichen Lautbildung gelandet ist.
Und immer wieder kam der Atem.
Nicht nur als etwas, das kontrolliert werden sollte.
Oft sollte ich ihn zunächst beobachten.
Das war neu.
Beobachten ist schwieriger als Befehlen
Kontrolle ist verführerisch.
Sie gibt einem das Gefühl, etwas zu tun.
Brust raus. Bauch fest. Tiefer atmen. Mehr stützen. Weniger drücken. Man kann sich damit hervorragend beschäftigen.
Beobachten ist stiller.
Und manchmal unangenehmer.
Denn wenn ich den Atem beobachte, ohne ihn sofort zu korrigieren, sehe ich vielleicht, dass er längst auf etwas antwortet, das ich noch gar nicht wahrgenommen habe.
Eine Spannung.
Eine Erwartung.
Einen Ton.
Einen Gedanken.
Die Angst, gleich nicht zu treffen.
Den Wunsch, besonders schön zu klingen.
Oder schlicht die Tatsache, dass meine Zunge gerade beschlossen hat, gleichzeitig mehrere Aufgaben zu übernehmen und keine davon ausreichend transparent zu kommunizieren.
Der Atem war nicht bloß Luftzufuhr.
Er war eine gemeinsame Oberfläche.
Körper, Stimme, Emotion, Aufmerksamkeit und Klang begegneten sich dort.
Und nach einiger Zeit veränderte sich etwas. Nicht plötzlich. Nicht als großer Durchbruch. Aber das Singen wurde vertrauter. Ich hatte ohnehin immer gern gesungen, nur lange nicht das Gefühl, diese Seite wirklich nach außen tragen zu wollen. Unter der Dusche war das problemlos. Das Publikum dort ist akustisch großzügig und stellt selten Rückfragen.
Mit wachsender Bühnenpraxis bekamen Sprache und Gesang jedoch immer mehr Bedeutung. Also blieb ich bei der Sache.
Aus A, E, O und I wurden irgendwann eigene Lieder.
Gerade in der Weihnachtszeit werde ich zuverlässig zu einer laufenden Jukebox. Weihnachtslieder mag ich besonders. Glücklicherweise teilt meine Freundin diese Vorliebe, weshalb wir in dieser Zeit viel gemeinsam singen können.
Andere Haushalte diskutieren im Dezember vielleicht darüber, wann der Weihnachtsbaum aufgestellt wird.
Bei uns besteht eher das Risiko, dass derselbe Refrain zum sechsten Mal harmonisiert wird.
Mein Yogastudio hatte vier Räder
Wenn man einmal beginnt, nach innen zu hören, wird die Landkarte größer.
Man entdeckt nicht nur mehr.
Man merkt vor allem, wie viel vorher bereits da war.
So kam ich irgendwann auch zum Pranayama.
Atemübungen klangen für mich nun nicht mehr wie eine Erinnerung daran, dass Ein- und Ausatmen grundsätzlich vorgesehen sind. Ich begann Unterschiede wahrzunehmen: Rhythmus, Länge, Spannung, Pausen und die Wirkung verschiedener Atemmuster.
Zu Hause fehlte mir allerdings oft die Geduld, die Übungen regelmäßig zu machen. Nicht, weil ich sie schlecht fand, sondern weil zu Hause erstaunlich viele andere Dinge existieren, die sich ebenfalls für wichtig halten.
Also nutzte ich unter anderem Autofahrten für ruhige, unaufdringliche Atembeobachtung und einfache Übungen, ohne dabei meine Aufmerksamkeit vom Verkehr abzuziehen.
Keine dramatischen Atempausen.
Keine Benommenheit.
Keine persönliche Erleuchtung auf der linken Spur.
Mein Yogastudio hatte vier Räder.
Mit der Zeit wurde daraus eine Routine. Nicht spektakulär. Gerade deshalb blieb sie.
Erst später fiel mir auf, dass Menschen, die mich schon länger kannten, mich fragten, warum ich so ausgeglichen wirke.
Darauf gibt es keine saubere Antwort.
Ich habe ein gutes Leben. Ich versuche, möglichst viel davon selbst zu gestalten. Ich trainiere. Ich habe Menschen um mich, die mir wichtig sind. Ich arbeite in Feldern, die mich lebendig halten.
Aber vielleicht lag zwischen Ursache und Wirkung noch etwas Leiseres.
Eine wiederkehrende Praxis, die keinen großen Moment erzeugte, aber mit der Zeit eine Form verdichtete.
Vielleicht wurde aus Atemrhythmus irgendwann etwas wie Haltung.
Oder aus Beobachtung ein größerer Abstand zwischen Reiz und Antwort.
Man merkt solche Veränderungen selten in dem Moment, in dem sie entstehen.
Andere hören sie manchmal früher.
Die Tomate im Handstand
Im Handstandunterricht sehe ich eine deutlich sichtbarere Form des Atems.
Viele Anfänger kommen nach den ersten Versuchen an der Wand wieder herunter und sehen aus, als hätte die Hochsaison der Tomate persönlich Besitz von ihrem Kopf ergriffen.
Das Gesicht ist rot. Die Augen wirken angestrengt. Manche haben so stark gepresst und die Luft angehalten, dass der ganze Körper die Umkehrposition offenbar als kurzfristige Belagerung behandelt hat.
Das ist nachvollziehbar.
Kopfüber ist zunächst viel los. Die Hände tragen plötzlich Gewicht, die Schultern arbeiten, der Kreislauf muss sich sortieren, und der Kopf versucht gleichzeitig, nicht zu fallen und möglichst souverän auszusehen, was häufig zwei unterschiedliche Projekte sind.
Dann wird der Atem einfach abgestellt.
Sicherheitshalber.
Vielleicht denkt der Körper: Wenn wir schon kopfüber stehen, sollten wir wenigstens keine zusätzlichen Bewegungen im Brustkorb riskieren.
Nur hilft das begrenzt.
Handstand braucht Spannung. Aber nicht jede Spannung ist gleich brauchbar. Wer vollständig die Luft anhält, kann kurzfristig viel Druck erzeugen. Gleichzeitig wird es schwerer, fein zu hören. Die Position wird zu einem einzigen großen Festhalten, obwohl Balance aus vielen kleinen Antworten besteht.
Finger.
Schulter.
Rippen.
Becken.
Blick.
Atem.
Der Atem soll den Handstand nicht weich machen.
Er soll ihn vermittelbar halten.
Atmen ist nicht immer Entspannung. Atmen ist Stimmarbeit.
Manchmal stimmt es auf Ruhe.
Manchmal auf Spannung.
Manchmal auf Mut.
Und manchmal zeigt es nur sehr ehrlich, dass der Kopf gerade behauptet, alles sei unter Kontrolle, während der Körper bereits in Großbuchstaben schreibt.
Der Atem trägt auch Hanteln
Es gab eine Phase in meinem Leben, in der Muskeln für mich wichtiger waren als Fähigkeiten.
Nicht ausschließlich.
Aber deutlich genug, dass ich regelmäßig schwere Kniebeugen machte.
Dabei lernte ich das Valsalva-Manöver kennen: Luft holen, Rumpfdruck aufbauen, den Körper unter Last stabilisieren. Der Atem wird hier nicht fließend und weich. Er wird zur inneren Struktur.
Das passte hervorragend zu meinem jugendlichen Ehrgeiz.
Schwere Hantel.
Gezielte Pressatmung.
Noch eine Wiederholung.
Und anschließend ein leicht wankender Weg zur nächsten Sitzfläche.
Der Körper hatte die Kniebeuge beendet.
Der Kreislauf war noch in der Nachbesprechung.
Auch das gehört zum Atem.
Er ist nicht nur der freundliche Begleiter aus Yogavideos, der lange Ausatmungen empfiehlt und dabei aussieht, als hätte ihn noch nie jemand unter eine schwere Langhantel gestellt.
Der Atem kann Last tragbar machen.
Er kann Druck organisieren.
Er kann Stabilität erzeugen.
Aber auch hier ist die Frage nicht einfach: viel oder wenig, tief oder flach, ruhig oder kraftvoll.
Die Frage lautet:
Welche Antwort braucht dieses Feld?
Ein schwerer Kniebeugensatz stellt eine andere Frage als ein Lied.
Ein Eisbad eine andere als ein Handstand.
Ein Auftritt eine andere als eine Autofahrt.
Der Atem ist nicht immer gleich.
Gerade deshalb kann er vermitteln.
Was mein Taekwondo-Trainer längst wusste
Heute höre ich die Stimme meines früheren Trainers anders.
„Einatmeeee.“
„Ausatmeeee.“
Damals dachte ich, er erinnere uns an eine Funktion, die ohnehin automatisch läuft.
Heute glaube ich, er machte etwas anderes.
Er holte den Atem in die Wahrnehmung.
Nicht damit wir überhaupt weiterlebten.
Das hätte vermutlich auch ohne seine Hilfe funktioniert.
Sondern damit wir hörten, wie wir gerade lebten.
Angespannt.
Gehetzt.
Fest.
Offen.
Konzentriert.
Überfordert.
Bereit.
Der Atem ist eigenartig, weil er von selbst geschieht und gleichzeitig beeinflusst werden kann. Er liegt zwischen Automatismus und Entscheidung, zwischen Körper und Aufmerksamkeit, zwischen Gefühl und Handlung.
Deshalb ist er kein eigener kleiner Bereich, der irgendwo neben Muskeln, Denken und Emotion wohnt.
Er verbindet sie.
Der Atem ist die gemeinsame Oberfläche verschiedener Erinnerungskörper.
Am kalten Wasser zeigte er, dass mein Körper noch nicht dieselbe Ruhe trug wie mein Kopf.
Beim Singen vermittelte er zwischen Wahrnehmung, Stimme, Emotion und Klang.
Im Handstand zeigt er, ob Spannung noch antwortfähig bleibt oder nur festhält.
Unter der Hantel wird er zur inneren Form.
In wiederkehrender Praxis kann er vielleicht sogar einen größeren Raum zwischen Reiz und Antwort kultivieren.
Der Atem löst nicht alles.
Er bezahlt weiterhin keine Rechnungen.
Er verhindert nicht jeden Fehler.
Er macht einen Menschen nicht automatisch weise, nur weil dieser besonders langsam ausatmet.
Aber er macht etwas hörbar.
Und was hörbar wird, kann gestimmt werden.
Atmen ist keine Wellness
Vielleicht stört mich deshalb der Wellnessbegriff.
Nicht, weil Entspannung schlecht wäre.
Entspannung ist wunderbar.
Aber sie ist nur eine mögliche Antwort.
Atemarbeit bedeutet nicht, jeden Zustand in Ruhe aufzulösen. Ein Artist braucht vor einem Auftritt vielleicht keine vollständige Beruhigung. Ein Gewichtheber sollte unter Last nicht möglichst weich werden. Ein Kind vor dem Sprung braucht nicht zwingend weniger Spannung.
Vielleicht braucht es eine Spannung, die es tragen kann.
Der Atem kann beruhigen.
Er kann sammeln.
Er kann Kraft bündeln.
Er kann eine Stimme öffnen.
Er kann Angst zeigen.
Er kann helfen, in Kälte zu bleiben, ohne dass die Kälte verschwindet.
Er kann einen Moment bewohnbar machen.
Nicht indem er die Wirklichkeit verändert.
Sondern indem er die Vermittlung zwischen ihren Antworten verbessert.
Das ist etwas anderes als Wellness.
Wellness möchte sich häufig gut anfühlen.
Stimmarbeit möchte hören, was gerade da ist, und eine tragfähige Antwort ermöglichen.
Manchmal fühlt sich das gut an.
Manchmal sitzt man in einer winterlichen Ilm und fragt sich, weshalb der innere Saiyajin nicht wenigstens ein Handtuch mitgebracht hat.
Beides zählt.
Vielleicht wusste mein Taekwondo-Trainer das längst.
Ich brauchte nur ein paar Jahrzehnte, mehrere Bühnen, kaltes Flusswasser, Gesangsunterricht, schwere Kniebeugen und erstaunlich viele Handstände, um seine ziemlich einfache Anweisung endlich zu hören:
Einatmen.
Ausatmen.