Erinnerung in 3,2,1: Vorhang auf

Der Körper ist ein Archiv ohne Inhaltsverzeichnis

Ich habe zwei Geschwister.

Wir haben zusammen Musik gemacht. Zusammen Nintendo gespielt. Gemeinsam stundenlang irgendwelche Fantasiewelten gerettet, die erstaunlich oft von einem schweigenden Jungen mit Schwert abhingen. Wir haben zusammen Lego gebaut, gelacht, geübt und sind miteinander groß geworden.

Und soweit ich mich erinnern kann, haben wir uns nie ernsthaft gestritten.

Natürlich gab es Meinungsverschiedenheiten. Wahrscheinlich musste auch mal jemand den Controller abgeben, obwohl er objektiv gerade wirklich nicht speichern konnte. Aber wenn ich heute zurückblicke, fällt mir kein großer Familienkrieg ein.

Das Erstaunlichste ist allerdings etwas ganz anderes.

Wir haben alle denselben Leberfleck.

Nicht riesig.

Nicht besonders spektakulär.

Aber groß genug, dass jeder sofort weiß:

Ach ja.

Der gehört irgendwie zur Familie.

Mein Vater hat ihn.

Mein Opa hatte ihn ebenfalls.

Und vermutlich saß irgendwo noch ein Urgroßvater ohne jede Ahnung davon am Küchentisch und trug genau denselben Fleck spazieren.

Ich finde das gleichzeitig faszinierend und leicht unverschämt.

Da bemüht man sich jahrelang darum, ein möglichst eigenständiger Mensch zu werden, entwickelt Überzeugungen, Interessen, Eigenarten, studiert Musik, macht Handstand, gründet einen Verein, schreibt eine Theorie über Entfaltung …

…und der Körper sagt einfach:

„Schön.

Den Leberfleck nehme ich trotzdem wieder.“

Du siehst aus wie dein Vater

Meine Familie ist riesig.

Mein Vater hatte zehn Geschwister.

Meine Mutter sieben.

Dazu kommt, dass wir Polen sind.

Das entsprechende Vorurteil über große Familien erfüllt sich in diesem Fall mit bemerkenswerter Konsequenz.

Irgendwann habe ich einmal nachgezählt.

Fünfundvierzig Cousins und Cousinen.

Familienfeiern wären deshalb weniger Veranstaltungen als logistische Großprojekte.

Wenn wir früher nach Polen gefahren sind, passierte immer dasselbe.

Irgendjemand schaute mich an und sagte:

„Du siehst genauso aus wie dein Vater.“

Der Nächste ergänzte:

„Und die Augen hast du von deiner Mutter.“

Wieder jemand anderes fand mein Lachen bei irgendeinem Onkel wieder.

Mein Kinn bei einem Großvater.

Meine Haare bei einer Tante.

Irgendwann blieb kaum noch etwas von mir übrig.

Toll.

Was soll ich mit dieser Information anfangen?

Ich besitze durchaus einen Spiegel.

Das ist mir grundsätzlich nicht entgangen.

Wenn ich ehrlich bin, mochte ich diese Sätze nie besonders.

Nicht, weil ich meine Familie nicht mag.

Ganz im Gegenteil.

Sondern weil irgendwo tief in mir ein ziemlich eigensinniger Teil wohnt, der gerne glaubt, vollständig selbst entstanden zu sein.

Als hätte ich mich eines Morgens beschlossen.

Mein Ego liebt diese Geschichte.

Die Wirklichkeit erzählt leider eine andere.

Erinnerung trägt manchmal Haut

Vielleicht liegt genau darin schon etwas Wichtiges.

Wenn wir über Erinnerung sprechen, denken wir fast immer an Bilder.

An Kindheit.

An Geburtstage.

An Urlaube.

An Gespräche.

An das erste Fahrrad.

An peinliche Schulaufführungen, die sich erstaunlich hartnäckig weigern, nach zwanzig Jahren endlich in Würde zu sterben.

Aber Erinnerung beginnt viel früher.

Sie beginnt nicht erst dort, wo mein Bewusstsein erzählen kann.

Sie beginnt dort, wo Form weitergetragen wird.

Manche Erinnerung kommt als Geschichte.

Manche als Gewohnheit.

Manche als Bewegung.

Und manche eben als kleiner Leberfleck mitten auf dem Bauch.

Nicht weil dieser Leberfleck selbst eine Erinnerung wäre.

Sondern weil er zeigt, dass Vergangenheit nicht nur erzählt wird.

Sie wird verkörpert.

Und plötzlich wird etwas deutlich, das für meine Theorie ziemlich zentral geworden ist:

Erinnerung ist nicht nur das, woran ich mich erinnere.

Erinnerung ist Beziehung, die Form geworden ist.

Das Konzert spielte irgendwann in meinem Körper weiter

Noch spannender wurde das viele Jahre später.

Als Musiker.

Ich habe schon als Jugendlicher Klavierabende gegeben.

Neunzig Minuten Programm.

Bach.

Mozart.

Beethoven.

Vor allem Chopin.

Und wenn kein Chopin mehr übrig war …

…dann eben noch ein bisschen Chopin.

Von außen sah das vermutlich ziemlich beeindruckend aus.

Ein Jugendlicher mit langen Haaren sitzt am Flügel und spielt schwere romantische Literatur mit einer Ernsthaftigkeit, die vermutlich nur Jugendliche und russische Konzertpianisten überzeugend hinbekommen.

Nach den Konzerten kamen oft Menschen zu mir.

Sie lobten den Ausdruck.

Die Musikalität.

Die Tiefe.

Manchmal hatte ich das Gefühl, sie hätten ein völlig anderes Konzert gehört als ich.

Denn während sie Musik hörten, hörte ich hauptsächlich etwas anderes.

Jetzt bloß nicht daneben greifen.

Verdammt.

Die Oktave war unsauber.

Gleich kommt die schwierige Stelle.

Wie ging der Übergang noch genau?

Bitte jetzt keinen Blackout.

Das Verrückte daran ist:

Diese Gedanken hatten erstaunlich wenig mit der Musik zu tun.

Sie liefen einfach gleichzeitig.

Wie ein zweites Konzert.

Nur leider im Kopf.

Und dieses Konzert wurde mit den Jahren immer besser geübt.

Leider.

Denn auch Angst wird besser in dem, was sie häufig wiederholt.

Der Körper kannte die Bühne bereits

Irgendwann begann ich mit Zirkus.

Eigentlich hätte das ein völliger Neuanfang sein müssen. Neue Menschen. Neue Bühne. Neue Fähigkeiten. Neue Welt. Ich war nicht mehr der Pianist. Ich wollte Artist werden.

Das Interessante war nur: Mein Körper machte diesen Unterschied zunächst gar nicht. Er hörte nur Bühne, Menschen, Vorhang, jetzt geht es los.

Dabei war die Situation eigentlich eine völlig andere.

Für meine Klavierkonzerte hatte ich mich oft monatelang vorbereitet. Stunden über Stunden am Instrument. Jede Passage wiederholt, jeder Übergang durchdacht, schwere Literatur so lange gespielt, bis sie zumindest zu Hause zuverlässig trug. Im Kinderzirkus war von dieser luxuriösen Vorbereitung herzlich wenig übrig.

Gerade wenn man neu in ein bereits funktionierendes System kommt, wissen alle anderen ungefähr, wie die Abläufe sind und was als Nächstes passiert. Nur man selbst steht daneben, grinst freundlich und hofft, dass das Gesicht ausreichend Kompetenz vermittelt.

Dann heißt es plötzlich:

„Zieh noch schnell den Regenbogenhut auf.“

„Hier, das Hühnerkostüm.“

„Gib gleich einen kleinen Vorgeschmack auf deinen Workshop.“

Und zwischen dieser Information und dem Öffnen des Vorhangs bleibt ungefähr genug Zeit für: Huhn, Eier, Jonglierbälle.

Vorhang auf.

Dann steht man im Kostüm auf der Bühne und merkt, dass die Vorbereitung im Wesentlichen darin bestand, rechtzeitig beide Arme durch die richtigen Öffnungen zu bekommen.

Das war also gerade nicht die besser vorbereitete Bühne. Am Klavier hatte ich deutlich mehr Zeit, Struktur und Kontrolle. Im Kinderzirkus wusste ich stellenweise selbst noch nicht genau, was in den nächsten Minuten passieren würde.

Und trotzdem funktionierte es.

Nicht, weil mein Kopf einen besonders guten Plan hatte, sondern weil mein Körper bereits genug Können gespeichert hatte, um zu antworten. Jonglage, Bewegung, Präsenz, Timing – vieles war da, auch wenn es nicht vorher bis zur letzten Handgelenksbewegung und hochgezogenen Augenbraue geplant worden war.

Das gilt natürlich nicht für meine eigentlichen Artistik-Acts. Dort ist vieles sehr genau gesetzt. Abläufe, Übergänge, Blicke, Bewegungen, teilweise tatsächlich bis in die Augenbraue hinein. Aber der Kinderzirkus verlangte etwas anderes: weniger perfekte Wiederholung einer fertigen Form und mehr die Fähigkeit, in einem lebendigen Feld sofort zu antworten.

Gerade das finde ich heute spannend. Am Klavier war ich viel besser vorbereitet und trotzdem stärker mit Anspannung beschäftigt. Im Kinderzirkus war ich oft kaum vorbereitet, aber dort begann sich meine Beziehung zur Bühne langsam zu verändern.

Nicht weil die Umstände sicherer waren.

Sondern weil ich lernte, dass eine Bühne auch dann tragen kann, wenn nicht alles vorher feststeht.

Autopilot ist kein Gegner

Ich glaube sogar, dass ich meinen Körper damals unterschätzt habe.

Ich hielt ihn lange für etwas, das meinen Gedanken folgen sollte. Der Kopf denkt. Der Körper führt aus. So ungefähr hatte ich mir das vorgestellt. Eine durchaus verbreitete Arbeitsteilung. Sie funktioniert nur erstaunlich selten.

Denn während ich hinter dem Vorhang versuchte, mich innerlich zusammenzureißen, hatte mein Körper längst angefangen zu arbeiten. Er wusste, wie sich drei Jonglierbälle anfühlen. Er wusste, wann ein Handstand kippt. Er wusste, wie viel Schwung ein Salto braucht. Er wusste sogar, wie sich eine Bühne verhält, wenn plötzlich alle Augen auf einen gerichtet sind.

Er wusste das alles.

Nur ich traute ihm nicht.

Ich dachte immer noch, ich müsste alles kontrollieren.

Das ist eine ziemlich anstrengende Art, Artist zu sein.

Und ehrlich gesagt auch eine ziemlich anstrengende Art zu leben.

Irgendwann hörte ich auf, mich selbst so ernst zu nehmen

Es gab keinen großen Wendepunkt.

Kein Seminar.

Keine Schlüsselszene mit dramatischer Filmmusik.

Es waren vielmehr viele kleine Gespräche. Vor allem mit dem Team im Kinderzirkus. Menschen, die seit Jahren auf Bühnen standen und eine bemerkenswerte Gelassenheit gegenüber kleinen Katastrophen entwickelt hatten.

Wenn etwas schiefging, wurde gelacht.

Nicht ausgelacht.

Einfach gelacht.

Jemand vergaß seinen Einsatz.

Passiert.

Ein Ball flog in die falsche Richtung.

Passiert.

Ein Kind lief in die falsche Szene.

Dann wurde eben kurz improvisiert.

Die Vorstellung ging trotzdem weiter.

Für mich war das zunächst fast irritierend.

Ich kam aus einer Welt, in der jeder falsche Ton plötzlich riesengroß wurde. Im klassischen Konzertbetrieb konnte eine einzige vergriffene Stelle den Eindruck hinterlassen, das ganze Stück sei misslungen. Zumindest in meinem Kopf.

Im Zirkus schien niemand diese Regel zu kennen.

Oder sie hatten sie irgendwann gemeinsam abgeschafft.

Langsam begann etwas in mir umzuschreiben.

Nicht meine Technik.

Meine Beziehung zur Bühne.

Ich hörte auf, jeden Fehler als Urteil über mich selbst zu verstehen. Ein Patzer wurde wieder das, was er eigentlich ist:

Eine Information.

Mehr nicht.

Heute glaube ich sogar, dass genau dort meine eigentliche Bühnenkarriere begonnen hat.

Nicht als ich schwierigere Tricks konnte.

Sondern als ich aufhörte, mich selbst dauernd beurteilen zu wollen.

Erinnerung lässt sich überschreiben

Das ist vielleicht überhaupt das Hoffnungsvolle an Erinnerung.

Sie bleibt.

Aber sie bleibt nicht allein.

Der Körper speichert nicht einfach nur Erfahrungen wie Dateien auf einer Festplatte. Er stellt sie ständig in Beziehung zu neuen Erfahrungen. Eine Erinnerung bekommt Konkurrenz. Sie wird ergänzt. Manchmal bestätigt. Manchmal korrigiert.

Ich kenne das inzwischen von meinen Auftritten.

Früher bedeutete Bühne fast automatisch Anspannung.

Heute bedeutet Bühne oft etwas völlig anderes.

Neugier.

Spiel.

Kontakt.

Natürlich bin ich vor großen Auftritten immer noch aufgeregt. Ehrlich gesagt wäre ich eher misstrauisch, wenn das irgendwann völlig verschwinden würde. Wer mit hohen Handstand-Canes, Jonglierbällen oder einer neuen Nummer auf eine Bühne geht und behauptet, völlig entspannt zu sein, hat entweder einen beneidenswerten Charakter oder ein leicht gestörtes Verhältnis zur Realität.

Aber die Aufregung spricht heute anders.

Sie sagt nicht mehr:

“Bitte mach keinen Fehler.”

Sie sagt eher:

“Na los. Mal sehen, was heute passiert.”

Das klingt ähnlich.

Es fühlt sich vollkommen anders an.

Der Körper ist kein Gefängnis

Vielleicht ist das der eigentliche Irrtum.

Wenn wir hören, dass der Körper Erinnerungen speichert, entsteht schnell das Bild eines Gefängnisses.

Als wäre alles längst entschieden.

Kindheit.

Prägung.

Traumata.

Gewohnheiten.

Genetik.

Fertig.

Herzlichen Glückwunsch.

Sie dürfen sich jetzt für den Rest Ihres Lebens wie ein besonders kompliziertes Möbelstück verhalten.

Ich glaube nicht, dass Wirklichkeit so funktioniert.

Der Körper vergisst nicht leicht.

Aber er lernt.

Jeder gelungene Auftritt schreibt ein kleines Stück mit.

Jede sichere Landung.

Jedes ehrliche Lachen auf einer Bühne.

Jede Situation, in der nichts perfekt läuft und trotzdem etwas Schönes entsteht.

Das alles sind ebenfalls Erinnerungen.

Und irgendwann verändern sie das Feld.

Nicht dadurch, dass die alten Erfahrungen gelöscht werden.

Sondern dadurch, dass sie nicht mehr allein sind.

Das ist ein wichtiger Unterschied.

Entfaltung bedeutet nicht, die Vergangenheit loszuwerden.

Entfaltung bedeutet, dass neue Beziehungen entstehen dürfen, die den alten antworten.

Deshalb trainieren wir eigentlich Beziehungen

Vielleicht gilt das sogar für fast alles, was ich tue.

Wenn ich Handstand trainiere, trainiere ich natürlich Kraft.

Balance.

Beweglichkeit.

Technik.

Aber eigentlich trainiere ich noch etwas anderes.

Ich trainiere die Beziehung meines Körpers zur Schwerkraft.

Wenn ich Klavier unterrichte, erkläre ich nicht nur Musik.

Ich kultiviere Beziehungen zwischen Ohr, Hand, Atem und Klang.

Wenn wir im Motion Playground gemeinsam trainieren, lernen wir nicht nur Tricks.

Wir verändern die Beziehung zu Fehlern.

Zu Angst.

Zum eigenen Körper.

Zu anderen Menschen.

Und wenn ich heute einen neuen Artikel schreibe, dann hoffe ich nicht mehr, dass sich möglichst viele Sätze merken.

Ich hoffe eher, dass irgendwo eine Beziehung entsteht.

Dass jemand plötzlich etwas im eigenen Leben wiedererkennt.

Nicht weil ich es erklärt habe.

Sondern weil etwas in ihm bereits geantwortet hat.

Vielleicht beginnt genau dort Freiheit

Deshalb glaube ich inzwischen nicht mehr, dass Freiheit bedeutet, ohne Vergangenheit zu leben.

Das wäre ohnehin unmöglich.

Ich werde meinem Vater wahrscheinlich weiterhin ähnlich sehen.

Der Leberfleck wird vermutlich auch bleiben.

Und irgendwo in meinem Körper wohnt immer noch der Junge, der vor Chopins Walzern saß und sich fragte, weshalb sich dieselbe Melodie beim dreißigsten Mal plötzlich ganz anders anfühlt.

Aber dieser Junge muss nicht der Einzige bleiben.

Neben ihn sind inzwischen andere Versionen getreten.

Der Student.

Der Artist.

Der Klavierlehrer.

Der Zirkuspädagoge.

Der Vereinsleiter.

Der Mensch, der irgendwann gelernt hat, auf einer Bühne lieber gemeinsam zu lachen, als krampfhaft perfekt wirken zu wollen.

Alle gehören zu mir.

Keine dieser Erinnerungen muss verschwinden.

Aber keine von ihnen muss mehr allein bestimmen, wie ich heute antworte.

Vielleicht ist genau das Freiheit.

Nicht die Abwesenheit von Erinnerung.

Sondern die Fähigkeit, mit ihr in Beziehung zu treten.

Nicht gegen das Gewordene.

Mit dem Gewordenen.

Denn Erinnerung ist tatsächlich verdichtete Beziehung.

Und Entfaltung beginnt dort, wo diese Beziehungen wieder antworten lernen.

Nachklang

Erinnerung ist nicht nur das, woran ich mich bewusst erinnere. Sie lebt als Form weiter – in einem Leberfleck, in einer Bewegung, in einer Haltung, in einer Bühne, auf der der Körper schon antwortet, bevor der Kopf den ersten Gedanken zu Ende gedacht hat.

Der Körper speichert keine bloßen Informationen. Er speichert Beziehungen. Zwischen Klang und Gefühl. Zwischen Bühne und Anspannung. Zwischen Schwerkraft und Handstand. Zwischen Sicherheit und Angst.

Können ist Erinnerung, die handeln kann, ohne sich vorher erklären zu müssen.

Angst ist oft ebenfalls Erinnerung. Nicht unbedingt an eine einzelne Bewegung, sondern an ein ganzes Feld, das der Körper einmal als bedeutsam erlebt hat.

Erinnerung ist deshalb weder Gefängnis noch Orakel. Sie ist Material. Sie trägt Vergangenheit in die Gegenwart, entscheidet aber nicht allein über die Zukunft.

Neue Erfahrungen löschen alte Erinnerungen nicht. Sie treten mit ihnen in Beziehung. So verändert sich nicht die Vergangenheit, sondern die Art, wie sie heute antwortet.

Ein Resonanzraum ist deshalb immer auch ein Erinnerungsraum. Er macht bestimmte Antworten wahrscheinlicher und schreibt neue Beziehungen in Körper, Kultur und Gemeinschaft ein.

Vielleicht trainieren wir deshalb nie nur Muskeln. Nie nur Technik. Nie nur Wissen.

Wir trainieren Beziehungen.

Zur Schwerkraft.

Zur Musik.

Zu anderen Menschen.

Zu uns selbst.

Entfaltung beginnt nicht dort, wo Erinnerung verschwindet. Sie beginnt dort, wo Erinnerung wieder antworten kann.

Oder in einem Satz:

Erinnerung ist verdichtete Beziehung. Freiheit ist die Fähigkeit, mit dem Gewordenen neu zu antworten.

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Warum Melodie mehr weiß als ein Metronom

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Der Name wusste es früher als ich