Der Dschinni, der meine Wünsche erfüllte
Der Junge und der Flaschengeist
Meine Familie kommt aus Polen. Als meine Eltern nach Deutschland kamen, war ich noch ausgesprochen passiv an der ganzen Umzugsaktion beteiligt. Ich fuhr im Bauch meiner Mutter mit und trug organisatorisch eher wenig zum Gelingen bei.
Meine Eltern konnten damals selbst kaum Deutsch. Zu Hause wurde deshalb fast ausschließlich Polnisch gesprochen. Nicht nur, weil es die Sprache war, die sie miteinander teilten, sondern auch, weil sie vermeiden wollten, dass ich mit zwei halben Sprachen aufwuchs. Also lernte ich eine richtig – und die andere irgendwie nebenbei.
Wenn mich heute jemand fragt, wer mir Deutsch beigebracht hat, lautet die ehrliche Antwort:
Disney.
Deutsch lernte ich vor dem Fernseher. Balu brachte mir Gemütlichkeit bei, Arielle die Neugier, Simba Verantwortung und ein ziemlich großer blauer Dschinni vermutlich mehr über das Leben, als mir damals bewusst war.
Bis heute warte ich eigentlich darauf, dass wichtige Entscheidungen erst einmal gemeinsam besungen, betanzt und choreografiert werden. Das halte ich ohnehin für ein erstaunlich vernünftiges Verfahren zur Entscheidungsfindung.
Da das allerdings nur selten passiert, singe ich die Lieder von damals einfach ständig erstaunlich textsicher selbst. Es ist ein bisschen so, als hätten Balu, Arielle, Simba und ein ziemlich gesprächiger blauer Dschinni beschlossen, dauerhaft Mieter meines Langzeitgedächtnisses zu werden. Die Miete zahlen sie allerdings immer noch nicht.
Als Kind ist so etwas völlig normal. Zu Hause spricht man Polnisch, auf der Straße Deutsch und im Fernsehen singen Bären, Löwen und Flaschengeister. Bis heute weiß ich nicht, woran man ein normales Leben eigentlich erkennen sollte. Man lebt eben das Leben, das gerade da ist.
Zu diesem Leben gehörte bei uns außerdem der Katholizismus. Unter der Woche Disney. Sonntags Kirche. Beides gehörte für mich einfach zur Welt.
Bis zu meinem achtzehnten Lebensjahr saß ich deshalb praktisch jeden Sonntag in der Messe. Irgendwann laufen die Worte fast von allein. Das ist eigentlich etwas Erstaunliches. Der Körper übernimmt eine Aufgabe so zuverlässig, dass der Kopf sich inzwischen mit etwas anderem beschäftigen kann.
Vermutlich liegt irgendwo dort der Ursprung des Begriffs Gebetsmühle. Die Bewegungen des Mundes werden so vertraut, dass sie den Gedanken Platz machen.
Und Gedanken hatte ich genug.
Die Kirche beschränkte sich allerdings nicht auf den Sonntag. Vor dem Schlafengehen gehörte auch das Abendgebet dazu. Meistens waren das feste Gebete, die ich irgendwann genauso auswendig konnte wie die Lieder aus den Disneyfilmen. Beides konnte ich irgendwann erstaunlich textsicher.
Manchmal fragten mich meine Eltern aber auch, wofür ich selbst beten wollte. Heute muss ich darüber ein wenig schmunzeln. Wenn man einem kleinen Jungen die Frage stellt: „Was wünschst du dir?“, klingt das zunächst verdächtig nach einem Wunschzettel für den Weihnachtsmann. Der Unterschied bestand lediglich darin, dass meine Eltern mir freundlicherweise dabei halfen, am Ende etwas „sinnvollere“ Wünsche zu formulieren.
Also wünschte ich mir nicht das neue Spielzeug oder die größere Ritterburg, sondern dass alle gesund bleiben, dass Gott gut auf Mama und Papa aufpasst, dass niemandem etwas Schlimmes passiert und dass es den Menschen gut geht. Die Fürbitten in der Kirche fühlten sich letztlich genauso an. Irgendwo war jemand krank. Jemand hatte Sorgen. Irgendwo herrschte Krieg. Überall wurden Wünsche ausgesprochen. Wobei Salomon da vielleicht schon weiter war… Aber so richtig kann man diese noch nicht als Kind greifen.
Vielleicht war Aladdin deshalb auch einer meiner Lieblingsfilme. Dort stellte endlich niemand mehr die Frage, ob ein Wunsch vernünftig war. Ein Flaschengeist fragte einfach:
„Was wünschst du dir?“
Und ich wusste die Antwort sofort.
Ich wollte fliegen.
Leider erwies sich die Suche nach einer Wunderlampe als erstaunlich erfolglos. Irgendwann blieb mir wohl nichts anderes übrig, als die Sache selbst in die Hand zu nehmen.
Die ersten Flugversuche
Das erste Mal flog ich rückwärts vom Dach eines Spielplatzhäuschens, aber das zählte offenbar nicht.
Das zweite Mal verlief deutlich spektakulärer und unfreiwilliger. Wir spielten Fangen vor unserem Wohnblock. Ich war Fänger. Alle anderen rannten über die Straße. Also rannte ich hinterher.
An den Rest erinnere ich mich nicht.
Meine Mutter dafür umso mehr. Sie war damals mit meiner Schwester hochschwanger und stand auf dem Balkon. Von dort sah sie, wie ihr Sohn von einem Auto erfasst wurde, mehrere Meter durch die Luft flog und regungslos auf dem Asphalt liegen blieb. Sie verlor augenblicklich das Bewusstsein.
Mein Vater saß währenddessen auf dem Sofa. Als er durch die Balkontür sah, wie seine schwangere Frau zusammenbrach, eilte er hinaus und bemerkte erst dann, was auf der Straße geschehen war. Er sprang sofort hinterher. Das klingt dramatischer, als es war. Wir wohnten im Erdgeschoss.
Dramatisch genug war der Rest ohnehin. Mehrere gebrochene Rippen. Eine Gehirnerschütterung. Beides auf meiner Seite der Familiengeschichte.
Ehrlich gesagt kenne ich diese Geschichte hauptsächlich aus den Erzählungen meiner Eltern. Meine eigene Erinnerung beginnt erst irgendwann danach. Vielleicht fühlt sie sich deshalb bis heute eher wie die Geschichte eines kleinen Jungen an als eine Erinnerung an mich selbst.
Mit dem Fliegen war ich allerdings noch lange nicht fertig.
Landebahn putzen
Irgendwann hörte ich auf, nach Wunderlampen zu suchen. Stattdessen begann ich zu trainieren.
Genauer gesagt begann ich mit etwas, das vor meinem ersten Versuchen hätte lernen sollen.
Ich lernte Fallen.
Mein erster längerer Zwischenstopp war der Kampfsport. Dort gehörte Hinfallen nicht zu den Dingen, die man möglichst vermeidet, sondern zu denen, die man möglichst gut beherrscht. Rückwärts. Vorwärts. Seitwärts. Über jemanden hinweg. Mit etwas Übung verliert selbst der Fußboden einen Teil seines Schreckens.
Erst später entdeckte ich Parkour. Plötzlich ging es nicht mehr nur darum, Stürze auszuhalten, sondern Mauern zu überwinden, Geländer zu balancieren und die Welt ein bisschen mehr wie einen Spielplatz zu betrachten. Wahrscheinlich war das auch der Zeitpunkt, an dem aus meinem Hobby langsam ein Lebensstil wurde.
Ich gründete einen Verein. Trainierte immer mehr Tricking und Tumbling. Verbrachte ganze Vormittage auf dem Trampolin und entwickelte ein erstaunlich gutes Verhältnis zur Schwerkraft. Sie blieb zwar grundsätzlich anderer Meinung als ich, aber wir lernten, miteinander auszukommen.
Irgendwann landete ich schließlich im Zirkus.
Mein teuerster Schuhwechsel
Einige Jahre später konnte ich tatsächlich fliegen.
Zumindest sah es von außen so aus. Ich stand auf Bühnen, sprang Saltos, verdiente einen Teil meines Lebensunterhalts mit Akrobatik und hatte das Gefühl, mit der Schwerkraft inzwischen ein ziemlich gutes Arbeitsverhältnis entwickelt zu haben.
Bis zu jener Generalprobe.
Es gibt Entscheidungen, die mehrere Wochen dauern – andere ungefähr zwei Sekunden. Meine Entscheidung, für die Generalprobe Schuhe anzuziehen, gehörte eindeutig zur zweiten Kategorie.
Ich trainiere Akrobatik normalerweise barfuß, weil ich es einfach gewohnt bin. An diesem Tag hatten meine nackten Füße nach zwei kompletten Durchläufen allerdings keine besonders große Lust mehr auf den harten Hallenboden. Also dachte ich mir, ein bisschen Dämpfung könne ja nicht schaden.
Mein Sprunggelenk war später mit dieser Entscheidung deutlich weniger einverstanden als ich.
Der Tag hatte eigentlich hervorragend begonnen. Wir hatten bereits zwei komplette Durchläufe gespielt, alles funktionierte, die Stimmung war gut. Wir wollten nur einen letzten Durchlauf, um nochmal vor kleinem Publikum üben zu können. An einer Stelle der Show sprang ich eine Kombination aus Rad und Seitwärtssalto. Etwas, das ich wirklich ausreichend oft trainiert hatte.
Nur eben nicht mit Schuhen.
In der Luft fühlte sich plötzlich alles anders an. Die Füße waren schwerer als ich es gewohnt war und für einen winzigen Moment verlor ich die Orientierung. Ich wusste mitten im Salto nicht mehr genau, wo oben und unten war, öffnete zu früh und landete schräg. Der Grip der Schuhe tat anschließend genau das, wofür er gebaut worden war.
Er hielt.
Mein Sprunggelenk nicht.
Als ich nach unten schaute, stand meine Ferse ziemlich genau neunzig Grad nach außen zum Rest des Beines. Das ist einer dieser Anblicke, die selbst hartnäckigen Optimisten nur wenig Raum für Interpretationen lassen. Irgendwie renkte ich den Fuß aus Reflex ohne jegliche Vorkenntnisse wieder ein und fuhr zum Notarzt.
Das Praktische an Generalproben ist, dass sie meistens gefilmt werden. Deshalb konnte ich dem Arzt nicht nur meinen Fuß zeigen, sondern auch den exakten Moment, in dem er beschlossen hatte, seine bisherige Anatomie aufzugeben. Ich besitze bis heute sowohl das Video als auch einen Screenshot dieses Augenblicks. Es gibt vermutlich schönere Erinnerungsfotos.
Das Röntgen zeigte erstaunlich wenig. Der Arzt erklärte mir allerdings, dass mein Fuß so stark geschwollen sei, dass ein MRT im Moment ohnehin keinen Sinn ergeben würde, weshalb ich ihn zwei Wochen schonen sollte und warten, bis die Schwellung zurückging – dann würde man weitersehen.
Also wartete ich.
Das war eine andere Art des Fliegens, als ich mir wünschte. Ich schwebte in absoluter Unsicherheit.
Zwei Wochen lang konnte mir niemand sagen, was eigentlich kaputt war. Nicht einmal die Ärzte. Für diese Art des Fliegens gab es offenbar kein Trainingsprogramm. Beim Salto weiß man spätestens nach einer Sekunde, ob man wieder landet. Dieses Mal dauerte es zwei Wochen.
Geduld
Ich hatte mir eingeredet, dass Warten wahrscheinlich das Schwierigste gewesen sei. Irgendwann musste schließlich jemand sagen können, was los war.
Als die Schwellung endlich weit genug zurückgegangen war, durfte ich ins MRT. Wenig später saß ich beim Fußspezialisten und beobachtete, wie er schweigend durch die Bilder klickte. Ich versuchte aus seinem Gesicht irgendetwas herauszulesen. Erfolglos.
Irgendwann schaute er mich an.
„Ihr Fuß sieht aus wie ein Trümmerfeld.“
Er ließ den Satz einen Moment im Raum stehen, bevor er weitersprach.
„Das Problem ist: Ich kann da nicht einfach alles herausnehmen, neu sortieren und wieder einsetzen.“
Ich weiß nicht mehr, ob das seine exakten Worte waren. Geblieben ist genau dieses Bild. Ein Trümmerfeld, das sich nicht einfach wieder zusammensetzen ließ.
Mehrere Bänder waren gerissen. Die Gelenkkapsel war beschädigt. Überall Vernarbungen. Ob eine Operation später sinnvoll sein würde, ließ sich zunächst nicht sicher sagen. Vor allem aber könne es gut sein, dass mein Fuß nie wieder so werden würde wie vorher.
Für jemanden, der mit seinem Körper arbeitete, war das keine besonders beruhigende Aussicht.
Also tat ich das, was ich in meinem Leben bei fast jedem Problem getan hatte.
Ich fing an zu üben.
Zunächst bestand dieses Üben aus Dingen, die man von außen kaum als Training erkannt hätte. Ich saß auf einem Stuhl und ließ den Fuß Kreise zeichnen. Bewegte die Zehen. Immer wieder. Stundenlang. Irgendwann wurden daraus kleine Bewegungen, dann etwas größere und schließlich die ersten vorsichtigen Schritte.
Es ist erstaunlich, wie glücklich einen etwas machen kann, das man jahrzehntelang für selbstverständlich gehalten hat.
Ein einzelner schmerzfreier Schritt gehört definitiv dazu.
Zur selben Zeit stand ein gemeinsamer Familienurlaub bevor. Meine Eltern waren von meiner Berufswahl ohnehin nie restlos überzeugt gewesen. Die Nachricht, dass ihr Sohn sich bei einem Seitwärtssalto das Sprunggelenk nahezu auseinandergenommen hatte, hätte ihre Begeisterung vermutlich nicht nennenswert gesteigert. Also beschloss ich, die Sache zunächst möglichst unauffällig zu halten.
Ich verbrachte einen erheblichen Teil dieses Urlaubs damit, unauffällig zu humpeln.
Rückblickend ist das deutlich schwieriger, als es klingt.
Während andere am Strand lagen oder spazieren gingen, kreiste ich mit dem Fuß, bewegte die Zehen und suchte nach jeder Gelegenheit für ein paar Wadenheben oder Tibialis Raises. Irgendwann wurde daraus eine Gewohnheit. Selbst Jahre später machte ich beim Zähneputzen noch ganz selbstverständlich Wadenheben, ohne groß darüber nachzudenken.
Die Zehen blieben ebenfalls ein eigenes kleines Forschungsprojekt. Bis heute kann ich fast alle zehn einzeln bewegen. Dieses fast stört mich allerdings immer noch ein wenig. Der mittlere Zeh weigert sich bis heute beharrlich, unabhängig von seinen Nachbarn zu arbeiten. Offenbar hat auch Hartnäckigkeit ihre Grenzen.
Eine Operation blieb mir am Ende erspart.
Der Fußspezialist konnte allerdings kaum glauben, dass sich das Sprunggelenk ohne Eingriff wieder so weit erholen würde. Ganz der Alte wurde es tatsächlich nicht mehr. Die Vernarbungen haben Spuren hinterlassen. Der Fuß sieht heute anders aus als früher.
Aber er trägt mich wieder.
Und manchmal springt er sogar wieder Saltos.
Wolke sieben
Ich war in meinem Leben mehr als einmal verliebt. Und wie vermutlich die meisten Menschen war ich dabei auch mehr als einmal auf Wolke sieben. Ehrlich gesagt ist das eine ziemlich schöne Metapher. Man schwebt. Alles fühlt sich plötzlich leicht an, die Welt ein bisschen freundlicher und selbst Liebeslieder, über die man wenige Monate zuvor noch die Augen verdreht hätte, ergeben auf einmal erstaunlich viel Sinn. Leider musste ich genauso häufig feststellen, dass Wolken als Baumaterial ihre Schwächen haben. Ich bin mehr als einmal ziemlich unsanft hindurch auf dem harten Boden gelandet.
Damals hätte ich wahrscheinlich gesagt, dass ich mir einfach die richtige Beziehung wünsche. Heute glaube ich, dass ich mich damit ähnlich unpräzise ausgedrückt hätte wie damals mit meinem Wunsch zu fliegen. Eigentlich wollte ich nie einfach nur verliebt sein. Ich wollte mit einem anderen Menschen gemeinsam fliegen können.
Mit meiner heutigen Freundin wurde daraus irgendwann ein erstaunlich ehrgeiziges Gemeinschaftsprojekt. Wir wohnen zusammen, kochen zusammen, trainieren zusammen, unterrichten zusammen und stehen gemeinsam auf der Bühne. Von außen wirkt das manchmal beneidenswert harmonisch. Von innen bedeutete es zunächst vor allem, dass plötzlich jeder kleine Unterschied irgendwo sichtbar wurde. Auf der Bühne, im Training oder beim Unterrichten kann man Missverständnissen nur schwer aus dem Weg gehen. Wenn zwei Menschen über viele Stunden dieselben Aufgaben lösen wollen, begegnen sie zwangsläufig auch den unterschiedlichen Arten, wie sie denken, kommunizieren und mit Stress umgehen.
Gerade das gemeinsame Unterrichten und Proben hatte ein erstaunliches Talent dafür, diese Unterschiede schonungslos sichtbar zu machen. Jeder von uns war überzeugt, gute Gründe für die eigene Sichtweise zu haben, und manchmal stimmte das sogar auf beiden Seiten gleichzeitig. Es gab genügend Situationen, in denen wir uns nach einem Arbeitstag wahrscheinlich lieber aus dem Weg gegangen wären. Immer wieder hörte ich von anderen den Satz, sie könnten niemals mit ihrem Partner zusammenarbeiten. Ich konnte das gut nachvollziehen. Zeitweise hätten wir diesen Satz vermutlich selbst unterschrieben.
Trotzdem wollten wir genau das lernen. Nicht, weil wir besonders harmonische Menschen gewesen wären, sondern weil wir beide dieselbe Richtung wollten. Wir wollten nicht nur zusammen leben. Wir wollten auch zusammen arbeiten, zusammen unterrichten und gemeinsam auf der Bühne stehen. Manche Konflikte lösten sich in einem Gespräch. Andere brauchten Wochen oder Monate. Wieder andere verschwanden erst nach Jahren, weil wir uns in dieser Zeit beide verändert hatten. Irgendwann bemerkte ich, dass ich mit niemandem lieber zusammenarbeitete als mit ihr.
Auch heute gerät unser gemeinsamer Flug gelegentlich in Turbulenzen. Der Unterschied ist nur, dass wir nicht mehr gegeneinander steuern.
Abendgebet
Ich bete heute nicht mehr.
Trotzdem frage ich mich manchmal, wie meine Abendgebete heute klingen würden.
Als Kind schien mir die Sache ziemlich einfach. Wenn jemand krank war, betete ich für Gesundheit. Wenn jemand Angst hatte, für Sicherheit. Wenn irgendwo Krieg herrschte, für Frieden. Wenn Menschen sich stritten, dafür, dass sie sich wieder vertrugen. Es war eigentlich immer dieselbe Idee: Ich sagte, wie die Welt stattdessen aussehen sollte.
Heute würde ich vermutlich anders formulieren.
Nicht weil Gesundheit, Frieden oder Liebe für mich weniger wichtig geworden wären. Eher im Gegenteil. Ich frage mich nur, ob ich damals vielleicht um die sichtbaren Signale gebeten habe, obwohl ich mich eigentlich nach dem gesehnt habe, was sie immer wieder hervorbringen kann.
Geduld entsteht nicht dadurch, dass jemand sie sich wünscht. Sie entsteht, weil ein Mensch immer wieder warten musste und diese Erfahrungen Teil von ihm geworden sind. Weisheit entsteht nicht, weil jemand einen klugen Gedanken hat, sondern weil frühere Irrtümer, Zweifel und Entscheidungen in späteren Situationen weiterwirken. Und ein belastbarer Charakter wächst selten dort, wo alles leicht ist. Er entsteht, wenn das Leben immer wieder Fragen stellt und die Antworten darauf nach und nach Teil des Menschen werden.
Je länger ich darüber nachdachte, desto ähnlicher erschienen mir diese Fähigkeiten. Sie lassen sich nicht einfach besitzen. Sie brauchen eine Geschichte. Ohne Erinnerung gibt es keine Weisheit. Ohne Erinnerung keine Geduld. Ohne Erinnerung keinen Charakter. Vielleicht gilt das für sehr viel mehr, als uns im Alltag bewusst ist.
Vielleicht kann man sich deshalb auch kein leichtes Leben und gleichzeitig einen starken Charakter wünschen. Nicht weil sich beides grundsätzlich ausschließt, sondern weil man die Geschichte, aus der ein starker Charakter entsteht, nicht einfach überspringen kann.
Und genau an dieser Stelle musste ich plötzlich wieder an den blauen Flaschengeist aus meiner Kindheit denken.
Die Sprache des Flaschengeistes
Der blaue Flaschengeist konnte damals fast alles. Er konnte Paläste erscheinen lassen, Reichtümer verschenken, Menschen an ferne Orte bringen und vermutlich hätte er mich auch ohne größere Schwierigkeiten fliegen lassen. Als Kind erschien mir das wie die größtmögliche Macht. Heute sehe ich darin eher eine erstaunliche Begrenzung. Vielleicht erfüllte der Flaschengeist Wünsche sogar vollkommen korrekt. Nur waren meine Wünsche viel ungenauer formuliert, als ich selbst wusste.
Ich sagte: Ich möchte fliegen. Gemeint hatte ich nie diesen einen Flug. Ich wollte ein Mensch werden, der fliegen kann. Ich sagte: Ich wünsche mir Gesundheit. Gemeint hatte ich keinen einzelnen gesunden Tag, sondern einen Körper, dessen Ordnung immer wieder Gesundheit hervorbringen kann. Ich sagte: Ich wünsche mir Liebe. Gemeint hatte ich nie dieses eine Gefühl, sondern eine Beziehung, aus der Liebe immer wieder entstehen kann. Irgendwann fiel mir auf, dass zwischen dem, was wir sagen, und dem, wonach wir uns sehnen, oft ein erstaunlicher Unterschied liegt. Unsere Wünsche beschreiben häufig Signale. Unsere Sehnsucht richtet sich auf die Ordnung, aus der diese Signale hervorgehen.
Damit wurde auch verständlich, warum sich manche Dinge verschenken lassen und andere nicht. Gold kann man verschenken. Einen Palast ebenso. Vielleicht sogar einen Flug durch die Luft. Eine tragfähige Ordnung passt dagegen in keine Hosentasche. Sie wächst. Sie braucht Zeit. Sie braucht Erinnerung. Jedes Signal hinterlässt Erinnerung. Mit der Zeit verdichtet sich diese Erinnerung zu einer Ordnung, aus der ähnliche Signale immer wieder hervorgehen können. Genau deshalb kann man Weisheit nicht überreichen. Geduld nicht einpacken. Charakter nicht vererben. Was wir an anderen Menschen bewundern, sind selten einzelne Signale. Wir bewundern die Ordnung, aus der sie entstehen, weil wir spüren, dass sie auch morgen noch ähnliche Antworten hervorbringen wird.
Plötzlich erschien mir auch der Flaschengeist in einem ganz anderen Licht. Er hätte Liebe vermutlich genauso gut herbeizaubern können wie einen Palast. Nur wäre sie am nächsten Morgen genauso verschwunden. Tragfähige Ordnungen entstehen anders. Sie wachsen in Beziehungen. In Erinnerung. In der Zeit. Mit jeder Antwort werden sie ein wenig stabiler, bis sie irgendwann selbstverständlich geworden sind.
Als mir das klar wurde, musste ich über den kleinen Jungen schmunzeln, der sich so sehr gewünscht hatte zu fliegen. Eigentlich hatte er sich gar nichts Falsches gewünscht. Er wusste nur noch nicht, wie man Wünsche so formuliert, dass sie bis zur Sehnsucht reichen.
Was würdest du dir wünschen?