Der Daumen, der nicht mehr kam

Der letzte Ball

Meine Daumensehne riss mitten in einer Jonglagenummer.

Ich kann allerdings nicht sagen, wie sich eine reißende Daumensehne anfühlt. Ich habe es nicht bemerkt.

Ich wollte den Daumen ausstrecken, um den letzten Ball zu fangen. Diese Bewegung hatte ich so oft gemacht, dass zwischen Absicht und Ausführung normalerweise kaum Platz für einen Gedanken blieb. Der Ball kam, die Hand öffnete sich, der Daumen sollte folgen.

Diesmal kam er nicht.

Der Befehl war da. Die Bewegung fehlte.

Mehr geschah zunächst nicht. Kein Geräusch, kein stechender Schmerz und keine plötzliche Erkenntnis über die Verletzlichkeit des menschlichen Körpers. Mein Daumen tat einfach nicht mehr, was Daumen in einer Jonglagenummer üblicherweise tun.

Leider war die Nummer damit noch nicht vorbei.

Es folgten weitere Sequenzen, also spielte ich weiter. Vermutlich war es nicht die beste Version des Acts, die ich je auf eine Bühne gebracht hatte, aber sie kam zu Ende. Währenddessen ging mir nichts Besonderes durch den Kopf. Auf der Bühne kann die Welt auf eine ausgesprochen praktische Größe zusammenschrumpfen: der nächste Ball, die nächste Bewegung, die nächste Position.

Erst backstage begann mein ganzer Unterarm zu zittern.

Ich sah auf meine Hand und versuchte erneut, den Daumen anzusteuern. Nichts. Ich probierte es noch einmal, als hätte die Bewegung mich beim ersten Versuch lediglich missverstanden. Der Daumen blieb, wo er war.

Langsam begriff ich, dass dort nicht einfach etwas gereizt oder vorübergehend blockiert war. Da war etwas gerissen. Eine Bewegung, die wenige Minuten zuvor so selbstverständlich zu mir gehört hatte, dass ich sie nicht einmal als einzelne Fähigkeit wahrnahm, war plötzlich verschwunden.

Das Merkwürdigste daran war die Ruhe.

Der Schmerz, der mich zuvor begleitet hatte, war bereits vorbei. Es gab an der entscheidenden Stelle offenbar nichts mehr, das noch hätte wehtun können. Der gereizte Teil war nun endgültig durch.

Die Stille war keine Entwarnung.

Die Form hielt noch

Am Ende der Show stand noch die gemeinsame Airtracknummer mit den anderen Artisten an. Ich suchte alles Kinesiotape zusammen, das ich noch finden konnte, wickelte es um das Grundgelenk meines Daumens und fixierte ihn in einer Position, die für die Nummer irgendwie brauchbar aussah.

Das Tape stellte keine Verbindung wieder her. Es hielt lediglich von außen eine Form, die mein Körper von innen nicht mehr erzeugen konnte.

Für diesen Abend reichte das.

Im Rückblick ließe sich daraus eine hübsche Künstlergeschichte bauen: Sehne gerissen, Daumen festgeklebt, trotzdem zurück auf die Bühne gegangen. Solche Geschichten funktionieren besonders gut, wenn man sie erzählt, nachdem niemand mehr entscheiden muss, ob das wirklich eine gute Idee war.

Ich wollte keine Heldengeschichte schreiben.

Eigentlich hatte ich sogar versucht, vernünftig zu sein. Mein Handgelenk war bereits deutlich entzündet gewesen. Nach einigen Vorstellungen hatten wir meine Solohandstandnummer aus dem Programm genommen, weil die Belastung nicht mehr tragbar war. Am Tag vor dem Riss war ich deshalb in die Notaufnahme gefahren. Ich wollte keine Erlaubnis zum Heldentum, sondern eine professionelle Entscheidungshilfe.

Meine Sorge wurde dort deutlich gelassener betrachtet als von mir. Für die nächste Show gab es kein ausdrückliches Verbot. Also reduzierte ich die Belastung, ließ die Handstände weg und ging davon aus, dass diese Anpassungen reichen würden.

Die Show bestand allerdings nicht nur aus Handständen. Wiederholte Flic-Flacs auf hartem Bühnenboden waren für ein vorgeschädigtes Handgelenk keine Wellnessbehandlung, auch wenn sie im Programmheft vermutlich nicht unter medizinischen Anwendungen geführt wurden.

Nach dem Riss hätte ich nur noch zwischen verschiedenen schlechten Möglichkeiten wählen können. Meine Kollegen und die gesamte Produktion standen längst mit im Feld der Entscheidung. Anders hätte ich vor allem früher handeln müssen, als noch mehr Handlungsspielraum vorhanden war.

Später konnte niemand eine einzelne Ursache für den Riss benennen. Festgestellt wurden eine starke Sehnenscheidenentzündung, alte Vernarbungen und wenig Platz im Strecksehnenfach. In der Vergangenheit hatte ich dort Ganglien gehabt. Dazu kamen die wiederholten Belastungen und ein Handgelenk, das schon länger versucht hatte, sich in die Produktionsplanung einzubringen.

Es war keine einzelne falsche Bewegung.

Es war eine Geschichte.

Der letzte Ball war nur der Moment, in dem sie sichtbar wurde.

Weihnachten mit einer Hand weniger

Im Varieté bei Dortmund stand noch eine letzte Show bevor. Da ich nicht mehr spielen konnte, mussten wir kurzfristig einen anderen Artisten aus Rotterdam holen, Abläufe verändern und ihn innerhalb kürzester Zeit in eine Produktion einarbeiten, die vorher von einer festen Gruppe getragen worden war.

Meine Hand war verletzt, doch die Folgen blieben nicht in meiner Hand. Sie wanderten in Choreografien, Reisen, Probenpläne und die Körper der anderen.

Gleichzeitig war klar, dass ich operiert werden musste.

Es war kurz vor Weihnachten, also ungefähr der ideale Zeitpunkt, um dringend einen spezialisierten Handchirurgen zu benötigen.

Ich schrieb sämtliche Handchirurgen an, die ich in Thüringen finden konnte, telefonierte mit Spezialisten in Stuttgart und fuhr teilweise morgens um sechs Uhr los, weil sich irgendwo vielleicht noch die Möglichkeit für einen kurzfristigen Termin ergeben hatte. Zwischen diesen Fahrten, Telefonaten und Nachrichten stand die Gewissheit, dass etwas getan werden musste, verbunden mit der Ungewissheit, wann, wo und von wem es getan werden konnte.

Ein paar Tage zuvor hatte ich noch darüber nachgedacht, wie ich die verbleibenden Vorstellungen trotz des gereizten Handgelenks spielen könnte. Nun ging es darum, wie lange eine gerissene Sehne auf ihre Rekonstruktion warten durfte und was eine Hand ohne aktive Daumenstreckung für jemanden bedeutete, der mit genau dieser Hand Klavier spielte, Bälle fing und sein Körpergewicht auf dem Boden ausbalancierte.

Schließlich stellten mehrere Bekannte aus meinem Verein den entscheidenden Kontakt her. Am 23. Dezember wurde ich operiert.

Ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk.

Nicht das, das ich mir ausgesucht hätte. Aber vermutlich das nützlichste.

Als nächstes Engagement hätte der Weihnachtszirkus in Bielefeld auf dem Plan gestanden. Dort sollte ich gemeinsam mit Jule spielen. Während sie auf der nächsten Bühne stand, lag meine linke Hand frisch operiert in einer Schiene und ich war nicht bei ihr.

Die letzte Vorstellung des Varietés hatte irgendwie stattfinden können. Meine Position war übernommen, die Abläufe waren angepasst und die Produktion zu Ende gebracht worden. In Bielefeld ging es nicht mehr darum, eine einzelne Show zu retten. Dort fehlte plötzlich eine gemeinsame Zeit, auf die wir uns vorbereitet hatten.

Ich wäre gern bei ihr gewesen.

Vielleicht wurde mir erst in dieser Abwesenheit klar, wie viele Teile meines Lebens an dieser Hand hingen. Nicht abstrakt und nicht irgendwann, sondern in diesen Weihnachtstagen: Jule war dort, die Bühne war dort, unser gemeinsames Engagement war dort.

Und ich war es nicht.

Drei Berufe, dieselbe Hand

Bis dahin hatte ich meine Tätigkeiten als verschiedene Bereiche meines Lebens betrachtet. Ich war Pianist, Jongleur, Handstandartist, Akrobat, Trainer und Lehrer. Das klang nach einem angenehm breit aufgestellten Portfolio.

Für meine linke Hand war es dasselbe Portfolio.

Am Klavier musste sie Gewicht dosieren, Wege über die Tasten finden und kleinste Unterschiede im Anschlag hörbar machen. Beim Jonglieren öffnete sie sich im richtigen Moment, formte Würfe und fing Bälle, während meine Aufmerksamkeit längst mit einer anderen Flugbahn beschäftigt war. Im Handstand lasen ihre Finger den Boden. Beim Flic-Flac nahm sie innerhalb eines Augenblicks das Gewicht meines Körpers auf. Im Unterricht zeigte sie Bewegungen, gab Hilfestellung und fing andere Menschen auf.

Nach außen waren das verschiedene Fähigkeiten.

Anatomisch teilten sie dieselbe Infrastruktur.

Athlet. Musiker. Artist.

Drei verschiedene Worte standen plötzlich vor derselben Schiene.

Klavier, Jonglage und Akrobatik lagen in meinem Lebenslauf weit auseinander. In meinem Körper wohnten sie wenige Zentimeter voneinander entfernt.

Solange dieser Körper funktionierte, machte er sich dabei beinahe unsichtbar. Ich spielte Klavier und dachte an Musik, nicht an Strecksehnen. Ich jonglierte und sah Flugbahnen, keine Gelenke. Im Handstand spürte ich den Boden, ohne mir bei jeder Gewichtsverlagerung die anatomische Infrastruktur meiner linken Hand vorzustellen.

Ein funktionierender Körper lässt den Blick durch sich hindurch auf die Welt fallen.

Erst wenn eine Verbindung ausfällt, wird sie selbst zum Gegenstand. Plötzlich sieht man nicht mehr den Ball, sondern den Daumen, der ihn nicht fangen kann. Nicht das Stück, sondern die Hand, die keinen Weg zu den Tasten findet. Nicht die Bühne, sondern die Schiene, die einen von ihr fernhält.

Die Welt war noch da.

Mein Zugriff auf sie war kleiner geworden.

Der Zeigefinger zieht um

Bei der Operation wurde die ursprüngliche Verbindung nicht einfach wieder zusammengenäht. Die gerissene Daumenstrecksehne war durch Entzündung und Vorschädigung nicht mehr in einer Form vorhanden, die eine gewöhnliche Reparatur erlaubt hätte.

Also wurde eine neue Verbindung gebaut.

Der eigene Strecker des Zeigefingers, der Extensor indicis proprius, wurde umgeleitet und mit der verbliebenen Daumenstrecksehne verbunden. Der Zeigefinger konnte weiterhin über eine andere Strecksehne bewegt werden. Eine Struktur, die bisher eine zusätzliche Aufgabe für den Zeigefinger übernommen hatte, bekam eine neue Adresse.

Mein Körper wurde nicht auf seinen alten Stand zurückgesetzt.

Eine Sehne zog um.

Noch am Tag der Operation begann ich, die Finger zu bewegen, die nicht ruhiggestellt waren. Bei einem der ersten Versuche, den Zeigefinger anzusteuern, spürte ich unter dem Verband ein kurzes Zucken im Daumen.

Es war noch keine brauchbare Bewegung. Der Daumen hob sich nicht plötzlich triumphierend aus der Schiene, während im Hintergrund passende Musik einsetzte. Es war nur ein Zucken.

Aber die Verbindung war da.

Mein Nervensystem kannte zu diesem Zeitpunkt weiterhin die alte Hand. Es gab einen vertrauten Befehl an den Zeigefinger und erwartete die vertraute Antwort. Die Anatomie hatte sich während der Operation verändert. Das innere Modell wusste davon noch nichts.

Der Zeigefinger wurde gerufen.

Der Daumen meldete sich.

In diesem kleinen Missverständnis steckte bereits die gesamte bevorstehende Rehabilitation. Die Sehne war verbunden. Nun mussten mein Nervensystem und ich lernen, was diese Verbindung bedeutete.

Beim Jonglieren erwartet die Hand, wann und wo ein Ball ankommen wird. Im Handstand erwartet sie, wie sich eine Gewichtsverlagerung im nächsten Moment auswirkt. Am Klavier erwartet sie Widerstand, Weg und Klang. Aus unzähligen Rückmeldungen entstehen innere Modelle, die uns handeln lassen, bevor wir jede Einzelheit bewusst berechnet haben.

Meine Hand besaß über Nacht eine neue Wirklichkeit, aber noch das alte Modell.

Die Wirklichkeit korrigierte es mit einem Zucken.

In den folgenden Wochen musste eine Ansteuerung, die jahrzehntelang eine bestimmte Bedeutung gehabt hatte, eine neue Bewegung hervorbringen. Mein Körper konnte seine frühere Form nicht einfach zurückholen. Er verwendete vorhandene Strukturen, verband sie anders und begann daraus eine neue Fortsetzung zu entwickeln.

Heilung war hier nicht nur Reparatur.

Sie war Lernen.

Vier Kilo Wirklichkeit

Vier Wochen lang bestimmte die Schiene, was mit meiner linken Hand möglich war. Die anderen Finger kamen verhältnismäßig schnell wieder in Bewegung. Der Daumen blieb zunächst jener besondere Kollege im Team, dessen bloße Anwesenheit bereits als Fortschritt galt.

Mein Alltag wurde derweil erstaunlich kompliziert.

Normalerweise trainierte ich jeden Tag. Nun bestand meine körperliche Hauptaufgabe darin, nichts Dummes mit einer frisch vernähten Sehne anzustellen. Das war medizinisch sinnvoll und entsprach charakterlich nicht unbedingt meiner bevorzugten Disziplin.

Innerhalb kurzer Zeit nahm ich vier Kilo zu. Das Sixpack verabschiedete sich, ohne die üblichen Kündigungsfristen einzuhalten.

Neben einer Sehnenoperation klingt das banal. Gerade deshalb gehört es zur Geschichte. Die Verletzung hatte nicht nur eine Bewegung aus meiner Hand genommen. Sie veränderte meinen Alltag, mein Körpergefühl und fast alle Routinen, in denen ich mich bis dahin wiedererkannt hatte. Ein Mensch, der täglich trainiert, Klavier spielt, unterrichtet und auf Bühnen steht, wird durch Ruhe nicht automatisch zu einem entspannten Menschen.

Ich wollte wieder arbeiten, wenigstens Klavier und Akrobatik unterrichten. Die Rückkehr auf die Bühne lag noch deutlich weiter entfernt. Jede Tätigkeit, die vorher einfach zu meinem Tag gehört hatte, erschien plötzlich als zukünftiger Belastungstest.

Kann ich wieder spielen?

Kann ich wieder fangen?

Kann ich mich wieder auf diese Hand stützen?

Und wenn all das zurückkommt: Wann fühlt es sich wieder so an, als müsste ich nicht bei jeder Bewegung zuerst an die Sehne denken?

Die Heilung verlief objektiv erstaunlich gut. Der Chirurg und die Ergotherapeuten waren zufrieden, teilweise sogar überrascht, wie schnell Beweglichkeit und Ansteuerung zurückkehrten. Die Verbindung hielt. Mein Daumen erreichte früh Positionen, mit denen zunächst niemand gerechnet hatte.

Ich hatte offenbar trotzdem einen eigenen medizinischen Standard für mich eingerichtet.

Für den Chirurgen war entscheidend, ob die Sehne intakt war, der Daumen sich strecken ließ und die Heilung planmäßig verlief. In der Ergotherapie ging es um Bewegungsumfang, Kraft, Koordination und alltägliche Funktionen.

Mein Maßstab bestand aus Klavier, Jonglage und Handstand.

Ein Daumen, der sich im Untersuchungsraum erfreulich weit bewegte, war für mich noch nicht automatisch ein Daumen, auf den ich mich bei sieben Bällen, einem feinen Anschlag oder meinem gesamten Körpergewicht verlassen wollte. Meine Vorstellung von Wiederherstellung begann dort, wo eine klinische Bewertung bereits recht zufrieden sein durfte.

Niemand lag damit falsch.

Wir sahen dieselbe Hand aus verschiedenen Perspektiven.

Der Chirurg sah eine gut heilende Sehnenrekonstruktion. Die Ergotherapeuten sahen rasch zurückkehrende Funktion. Ich sah all jene Beziehungen, die diese Hand vorher getragen hatte und die für mich noch nicht wieder selbstverständlich verfügbar waren.

Dabei hinderte mich mein eigener Maßstab manchmal daran, wahrzunehmen, wie viel längst zurückgekommen war. Jede gegenwärtige Bewegung trat gegen die Erinnerung an meine frühere Hand an. Diese Erinnerung kannte keine Schiene, keine Vorsicht und keine Rehabilitationsprotokolle. Sie kannte nur das Selbstverständliche.

Wenn eine Fähigkeit über Jahre zum eigenen Leben gehört, bleibt sie keine neutrale Bewegungsoption. Sie verändert, was man sich zutraut, wie man sich zeigt und welche Zukunft man für selbstverständlich hält. Ihr Verlust nimmt daher mehr als eine Funktion. Er nimmt zunächst auch einen Teil der erwarteten Zukunft.

Die Rehabilitation gab mir diese Zukunft nicht in einem großen Moment zurück. Sie kam in kleinen Antworten: eine Bewegung, die gestern noch unsicher gewesen war; eine vollständige Faust; ein Griff, über den ich nicht mehr nachdenken musste; der erste vorsichtige Kontakt zum Klavier; ein Ball, der wieder selbstverständlich in der Hand landete.

Manche Fortschritte waren so klein, dass sie nur auffielen, weil ich den ganzen Tag auf sie wartete.

Andere bemerkte ich erst, als ich eine Bewegung ausführte, ohne vorher an meinen Daumen gedacht zu haben.

Ein Körper spricht nicht in Diagnosen

Vor dem Riss hatte meine Hand wehgetan. Nach dem Riss war der Schmerz verschwunden.

Viel genauer lässt sich kaum zeigen, wie schwer ein Körper zu lesen ist.

Der Schmerz hatte etwas Wahres ausgedrückt, aber keine Diagnose geliefert. Er hatte nicht gesagt, welche Struktur wie stark gefährdet war, wie viel Belastung noch möglich blieb oder welche einzelne Entscheidung die richtige sein würde. All das mussten andere Menschen und ich aus seinen Zeichen rekonstruieren.

Mein damaliges Modell lautete: gereizt, aber unter veränderten Bedingungen noch belastbar.

Die Wirklichkeit antwortete anders.

Das macht den Körper weder zu einem Orakel noch zu einer Maschine. Er zieht, zittert, ermüdet, schmerzt, weicht aus oder verweigert eine Bewegung. Seine Signale entstehen aus seiner Geschichte, erklären sich jedoch nicht selbst.

Manchmal weiß ein Körper etwas, bevor der Kopf es formulieren kann.

Manchmal braucht auch der Körper Hilfe, damit seine Antwort verstanden wird.

In meinem Fall hatten sich Können, Entzündung, Vernarbung und wiederholte Belastung gleichzeitig in derselben Hand verdichtet. Sie hatte all das getragen, während ich Klavier spielte, jonglierte, Handstände machte und über Bühnenboden turnte.

Bis eine Verbindung nicht mehr trug.

Danach begann eine andere Geschichte: eine fremde Sehne in einer neuen Funktion, ein Nervensystem mit veralteter Landkarte und eine Hand, die mit jeder Bewegung herausfinden musste, was sie nun war.

Nur auf einem anderen Weg

Heute spiele ich wieder Klavier, jongliere und stehe auf dieser Hand.

Wenn ich den Daumen strecke, zieht nicht mehr dieselbe Sehne wie vor jener Jonglagenummer. Eine Verbindung, die ursprünglich für den Zeigefinger vorgesehen war, hat eine neue Aufgabe übernommen. Mein Nervensystem hat gelernt, sie anzusprechen, und die Bewegung ist wieder so selbstverständlich geworden, dass ich ihre ungewöhnliche Geschichte im Alltag leicht vergessen könnte.

Von außen sieht niemand einen Unterschied. Ein Ball landet in der Hand. Ein Ton erklingt. Die Finger drücken in den Boden und der Körper richtet sich darüber auf.

Die Form ist zurückgekehrt.

Ihr Weg hat sich verändert.

Die Narbe ist geblieben, ebenso die Erinnerung an einen letzten Ball, den meine Hand bereits erwartet hatte, obwohl die Bewegung nicht mehr bis in den Daumen gelangen konnte. Doch die Narbe erzählt nicht nur von einer Verbindung, die gerissen ist. Unter ihr liegt auch eine Verbindung, die vorher nie existiert hatte.

Mein Körper wurde nicht derselbe wie zuvor.

Er fand eine neue Antwort.

Der Daumen kam zurück.

Nur auf einem anderen Weg.

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Man sieht das Licht nicht, indem man in die Sonne schaut