Still sitzen in der Strömung
Ich habe Meditation lange ungefähr so behandelt wie fast alles, was mich irgendwann interessiert hat: mitten rein.
Das muss man allerdings im Zusammenhang sehen.
Es gab eine Zeit, in der ich Routinen für nahezu alles hatte.
Morgenroutine.
Abendroutine.
Post-Workout-Routine.
Leseroutine.
Duschroutine.
Und falls man jetzt scherzhaft vermuten möchte, dass ich wahrscheinlich irgendwann auch noch eine Routine dafür entwickelt hätte, meine Routinen zu verwalten: Nein.
Die Wirklichkeit war schlimmer.
Ich hatte Habitica.
Dort standen meine Routinen.
Und dort wurden sie täglich abgehakt.
Ich musste die Karikatur meines damaligen Selbst also gar nicht erst erfinden. Ich hatte sie bereits digital organisiert.
Besonders eindrucksvoll war meine Morgenroutine.
Für mich funktionierte sie hervorragend.
Für Menschen, die morgens zufällig in meiner Nähe waren, etwas weniger.
Denn in dieser Routine gab es keinen Millimeter Platz.
Wer mit mir zusammen war, bekam nicht einfach einen Menschen am Morgen, sondern das vollständige Programm. Entweder man machte irgendwie mit oder man sah dabei zu, wie ich Punkt für Punkt Dinge erledigte, die alle unangenehm produktiv und sinnvoll wirkten.
Dass selbst das bloße Zuschauen offenbar anstrengend sein konnte, erfuhr ich erst Jahre später.
Menschen, die diese Morgen mit mir erlebt hatten, erzählten mir irgendwann, dass sie dabei ein schlechtes Gewissen bekamen.
Während ich schon meditierte, trainierte, las oder den nächsten Punkt meines Tages erledigte, saß daneben vielleicht jemand mit einer Tasse Kaffee und bekam das Gefühl, sein eigenes Leben falsch zu führen.
Das war natürlich nicht meine Absicht.
Ich hielt mich vermutlich einfach für wahnsinnig effizient.
Zum festen Ablauf gehörte auch Frühstück.
Jeden Morgen dasselbe.
Ein selbst gemachter grüner Smoothie, dazu frisch geröstete Haferflocken, Kerne und diverse andere Dinge, alles zusammen als Smoothie Bowl.
Ich mochte das.
Meine Mitmenschen mochten immerhin den Namen, den sie dafür gefunden hatten:
Entengrütze.
Ich glaube, ich habe ungefähr drei Jahre lang jeden einzelnen Morgen Entengrütze gegessen.
Ohne Ausnahme.
Das Interessanteste daran ist allerdings nicht, dass ich drei Jahre lang dasselbe Frühstück essen konnte.
Sondern wie es endete.
Nicht langsam.
Nicht mit wachsender Langeweile.
Nicht aufgrund einer neuen ernährungswissenschaftlichen Erkenntnis, die mich zu einer noch raffinierteren Frühstücksstrategie zwang.
Von einem Tag auf den anderen konnte ich es plötzlich nicht mehr sehen.
Geschweige denn essen.
Es war nicht schlechter geworden.
Das Rezept hatte sich nicht verändert.
Vermutlich schmeckte es exakt wie am Tag zuvor.
Ich hatte einfach genug davon.
Offenbar hatte mein Körper irgendwann eine Abstimmung durchgeführt, zu der mein Habitica-Account nicht eingeladen worden war.
Heute finde ich diese Geschichte fast zu passend.
Drei Jahre lang kann etwas vollkommen selbstverständlich erscheinen.
So selbstverständlich, dass die Frage
„Was möchte ich heute eigentlich frühstücken?“
gar nicht mehr gestellt wird.
Frühstück ist Entengrütze.
Die Entscheidung wurde irgendwann getroffen und danach nur noch ausgeführt.
Ein Algorithmus läuft.
Bis er plötzlich nicht mehr läuft.
In diese Zeit passte Meditation hervorragend.
Wer ernsthaft an sich arbeitet, meditiert schließlich.
Also meditierte ich.
Natürlich nicht einfach gelegentlich.
Täglich.
Mit verschiedenen Methoden.
Mit Techniken.
Mit ziemlich festen Vorstellungen davon, welche davon besonders sinnvoll waren.
Ich glaube, ich war damals überhaupt ziemlich gut darin, aus Überzeugungen Programme zu machen.
Beim Training.
Beim Essen.
Bei meiner Zeitplanung.
Beim Lernen.
Wahrscheinlich sogar beim Veganismus.
Ich war damals ziemlich militant vegan. Vegan zu sein war irgendwann nicht mehr nur eine Entscheidung darüber, was ich esse und welche Argumente ich überzeugend finde.
Es gehörte zu dem Paket, aus dem ich mich selbst zusammensetzte.
Training.
Disziplin.
Meditation.
Vegan.
Effizient.
Die einzelnen Bestandteile mochten durchaus gute Gründe haben.
Interessanter finde ich heute, wie leicht aus guten Gründen irgendwann Routinen werden, aus Routinen Selbstverständlichkeiten und aus Selbstverständlichkeiten Identität.
Aber dazu später.
Denn bei der Meditation steckt ausgerechnet eine Ironie, über die ich inzwischen ziemlich herzlich lachen kann:
Ich entwickelte mit enormer Disziplin ein Muster, das mir irgendwann dabei helfen sollte, meine Muster überhaupt zu erkennen.
Ich meditierte, weil Meditation Teil meines Selbstoptimierungsprogramms war.
Und gleichzeitig hätte ich eine ziemlich einfache Frage erstaunlich schlecht beantworten können:
Was mache ich da eigentlich?
Nicht technisch.
Technisch wusste ich meistens genau, was zu tun war.
Sitzen.
Atmen.
Beobachten.
Wiederholen.
Aber warum?
Was geschieht dabei?
Warum sollte das irgendetwas verändern?
Heute finde ich ausgerechnet das besonders spannend:
Die Methode veränderte mich offenbar schon, bevor ich verstand, was ich mit ihr tat.
Eigentlich ist das gar nicht so ungewöhnlich.
Ich weiß ziemlich genau, wie ich mein Handy benutzen muss.
Ich kann darauf schreiben, fotografieren, navigieren, Musik aufnehmen, Nachrichten verschicken oder Informationen suchen.
Als Werkzeug beherrsche ich es ziemlich gut.
Wenn ich allerdings erklären müsste, was genau im Gerät geschieht, sobald mein Finger das Display berührt, wie daraus elektrische Zustände, Berechnungen, Funkverbindungen und schließlich wieder Licht auf einem Bildschirm entstehen, würde meine Erklärung ziemlich schnell dünn werden.
Das hindert das Handy nicht daran, zu funktionieren.
Und es hindert mich nicht daran, es zu benutzen.
Meditation war für mich lange ähnlich.
Ich konnte das Werkzeug bedienen, ohne es bauen zu können.
Und vor allem, ohne wirklich zu verstehen, was dieses Werkzeug eigentlich mit mir machte.
Trotzdem machte es etwas.
Nicht spektakulär.
Keine Erleuchtung unter einem Bodhi-Baum.
Ich wurde auch nicht plötzlich zu einem Menschen, der morgens lächelnd seine Teeschale mit beiden Händen umfasst und mit allem im Reinen ist.
Aber ich begann, Dinge wieder deutlicher wahrzunehmen.
Hunger zum Beispiel.
Wann hatte ich eigentlich Hunger – und wann war nur Zeit zu essen?
Wie fühlt sich Hunger überhaupt an?
Wann war ich satt?
Wann wollte ich essen, obwohl ich keinen Hunger hatte?
Ähnliches passierte mit Müdigkeit, Unruhe, Gefühlen und körperlicher Spannung.
Selbst Gedanken wurden auf eine seltsame Weise deutlicher.
Nicht unbedingt weniger.
Manchmal eher im Gegenteil.
Ich bemerkte nur häufiger:
Ach, da ist gerade ein Gedanke.
Und irgendwann:
Ach.
Der geht offenbar ziemlich oft dort entlang.
Das klingt banal.
Ist es aber vielleicht gar nicht.
Denn ein Muster lässt sich erstaunlich schlecht erkennen, solange man sich vollständig mit ihm bewegt.
Die Strömung
Wenn ich mich in einem Fluss treiben lasse, bewege ich mich mit dem Wasser.
Solange ich ungefähr dieselbe Geschwindigkeit und Richtung habe wie die Strömung um mich herum, erscheint meine unmittelbare Umgebung erstaunlich ruhig.
Ich merke natürlich, dass ich mich bewege.
Aber ich spüre die Strömung selbst viel schlechter, als wenn ich mich irgendwo festhalte.
Setze ich plötzlich einen Fuß auf den Boden oder halte mich an einem Ast fest, geschieht etwas anderes.
Das Wasser bewegt sich weiter.
Ich nicht.
Und plötzlich entsteht Widerstand.
Die Strömung wird fühlbar.
Meditation war für mich vielleicht genau das.
Ich stieg nicht aus dem Fluss.
Ich setzte mich nur gelegentlich mitten hinein.
Ein Gedanke wollte weiter.
Ich blieb sitzen.
Ein körperlicher Impuls wollte zur Handlung werden.
Ich blieb sitzen.
Etwas war unangenehm.
Normalerweise hätte ich die Situation verändert, mich bewegt, etwas gegessen, zum Telefon gegriffen oder einen anderen Reiz gesucht.
Stattdessen geschah für einen Moment nichts.
Und gerade dadurch wurde etwas sichtbar.
Nicht weil das innere Muster aufgehört hätte, sich zu bewegen.
Sondern weil ich seine gewöhnliche Bewegung nicht unmittelbar mitvollzog.
Vielleicht ist Widerstand deshalb manchmal vor allem eines:
Information.
Wenn eine Bewegung vollkommen ungehindert abläuft, bleibt ihre Richtung leicht unsichtbar.
Unterbricht man sie, wird plötzlich spürbar, wohin sie eigentlich wollte.
Widerstand macht Struktur sichtbar.
Nenn irgendeine Stadt
Man kann das ziemlich einfach ausprobieren.
Nenn jetzt irgendeine Stadt.
Nicht lange nachdenken.
Einfach eine.
Vielleicht Berlin.
Vielleicht Paris.
Vielleicht Weimar, Warschau, Tokio, New York oder irgendeine Stadt, an die ich beim Schreiben niemals gedacht hätte.
Fertig?
Dann kommt die interessantere Frage:
Warum genau diese?
Hast du gerade sämtliche Städte, die du kennst, innerlich aufgelistet?
Dann Kategorien gebildet?
Europa oder Asien?
Groß oder klein?
Persönlicher Bezug oder möglichst neutral?
Hast du die Vorteile der einzelnen Möglichkeiten gegeneinander abgewogen und dich schließlich in einem vollständig bewussten Entscheidungsprozess für die beste Stadt entschieden?
Wahrscheinlich nicht.
Eine Stadt war einfach da.
Und trotzdem würdest du vermutlich sagen:
Ich habe sie gewählt.
Das finde ich merkwürdig.
Woher kam sie?
Vielleicht hast du gestern etwas über sie gelesen.
Vielleicht lebt dort jemand, den du kennst.
Vielleicht warst du einmal dort.
Vielleicht hat ihr Klang unbemerkt an etwas anderes angeknüpft.
Vielleicht liefen in wenigen Sekundenbruchteilen zehn Assoziationen ab, von denen nur das letzte Glied überhaupt im Bewusstsein ankam.
Und dann sagst du:
Paris.
Meine Entscheidung.
Aber wie viel von dem Prozess, der zu Paris geführt hat, war eigentlich für dich zugänglich?
Jetzt nenn noch eine Stadt.
Schon ist die Aufgabe eine andere.
Die erste Antwort gehört zur Geschichte der zweiten.
Vielleicht willst du nun bewusst einen anderen Kontinent wählen.
Vielleicht etwas Ungewöhnliches.
Vielleicht möchtest du dir gerade beweisen, dass du sehr wohl bewusst entscheiden kannst.
Die Vergangenheit der ersten Antwort verändert bereits den Möglichkeitsraum der zweiten.
Wir entscheiden nie von Null aus.
Wir kommen immer irgendwoher.
Denk nicht an einen Elefanten
Noch ein kleiner Versuch.
Denk für die nächsten Sekunden auf keinen Fall an einen Elefanten.
Nicht an seine Ohren.
Nicht an seinen Rüssel.
Und überprüfe am besten auch nicht ständig, ob gerade irgendwo ein Elefant in deinem Kopf auftaucht.
Das Problem ist offensichtlich.
Um zu kontrollieren, ob ich nicht an etwas denke, muss dieses Etwas zumindest als Möglichkeit bereits vorhanden sein.
Kontrolle kann deshalb eine seltsame Rückwirkung haben.
Je energischer ich versuche, einen Gedanken loszuwerden, desto stärker halte ich möglicherweise genau die Beziehung aktiv, durch die er präsent bleibt.
Auch deshalb erscheint mir Meditation heute weniger als eine Methode zur Kontrolle von Gedanken.
Der Versuch
„Ich darf diesen Gedanken nicht haben“
ist selbst wieder ein Gedanke, der an den ersten gekoppelt bleibt.
Beobachtung verändert die Beziehung anders.
Da ist ein Elefant.
Na gut.
Und irgendwann ist vielleicht keiner mehr da.
Nicht weil ich ihn erfolgreich aus meinem Kopf geworfen habe.
Sondern weil ich aufgehört habe, mit ihm an der Tür zu kämpfen.
Kratz dich noch nicht
Oder warte auf irgendeinen kleinen körperlichen Impuls.
Ein Jucken.
Den Wunsch, anders zu sitzen.
Das Bedürfnis, kurz auf dein Handy zu schauen.
Wenn er auftaucht, erfüll ihn nicht sofort.
Nicht minutenlang.
Das soll kein Wettbewerb werden.
Nur für einen Augenblick.
Beobachte, was passiert.
Das Interessante ist nicht, ob du dich am Ende kratzt.
Das Interessante ist der Moment davor.
Normalerweise folgt auf das Jucken vielleicht nahezu unmittelbar das Kratzen.
Jetzt passiert etwas dazwischen.
Du bemerkst erst das Jucken.
Dann bemerkst du den Impuls, dich zu kratzen.
Und danach ist für einen Moment noch offen, was du tatsächlich tust.
Das Jucken war schon vorher da.
Auch seine Richtung.
Aber Impuls und Fortsetzung lagen so eng beieinander, dass ich sie kaum getrennt wahrgenommen habe.
Jetzt spüre ich:
Da zieht etwas.
Und plötzlich bin ich nicht nur die Bewegung.
Ich bin zusätzlich ein System, das seine eigene Bewegung bemerkt.
Vielleicht liegt darin etwas Wichtiges.
Nicht darin, dass ich nun plötzlich vollkommen frei wäre.
Sondern darin, dass eine neue Beziehung entstanden ist.
Woher soll eine freie Entscheidung kommen?
Genau an diesem Punkt wird die Sache mit dem freien Willen für mich schwierig.
Nehmen wir irgendeine Entscheidung.
Woher kommt sie?
Die erste Antwort wäre:
Aus mir.
Gut.
Aber was bedeutet „aus mir“?
Meine Erinnerungen.
Meine Erfahrungen.
Mein Körper.
Meine Gewohnheiten.
Meine Werte.
Meine Ängste.
Meine Bedürfnisse.
Meine Sprache.
Meine Erziehung.
Meine Beziehungen.
Alles, was ich gelernt habe.
Alles, was mir passiert ist.
Und die Art, wie ich all das bisher miteinander verbunden habe.
Wenn meine Entscheidung aus diesem „Ich“ hervorgeht, ist sie offensichtlich nicht unabhängig von meiner Geschichte.
Dann ist sie zwar tatsächlich meine Entscheidung.
Aber genau deshalb ist sie geprägt.
Vielleicht sogar vollständig geprägt.
Man könnte versuchen, das Problem zu lösen, indem man die eigentliche Entscheidungsinstanz irgendwo anders unterbringt.
Ein unabhängiges Bewusstsein.
Eine Seele.
Ein höheres Selbst.
Oder irgendeine andere Ebene, die nicht vollständig aus meiner bisherigen Geschichte hervorgegangen sein soll.
Aber damit wird die Sache nicht automatisch freier.
Denn wenn diese Instanz etwas entscheidet, stellt sich wieder dieselbe Frage:
Warum entscheidet sie genau so?
Besitzt sie Gründe?
Dann hat auch sie eine Struktur und eine Geschichte.
Besitzt sie keine Gründe?
Dann wird ihre Entscheidung willkürlich.
Und wenn diese Instanz außerhalb dessen liegt, worauf ich überhaupt Zugriff habe – weshalb sollte ihre Entscheidung dann mehr meine Freiheit sein als irgendein anderer äußerer Einfluss?
Man kann die Entscheidungsinstanz beliebig tief verstecken.
Das Problem reist mit.
Bleibt noch der Zufall.
Vielleicht ist die Wirklichkeit nicht vollständig determiniert.
Vielleicht könnte in exakt derselben Situation tatsächlich die eine oder die andere Möglichkeit eintreten.
Aber wenn irgendein Zufallsprozess entscheidet, dass mir Paris statt Rom einfällt, dann erkenne ich darin ebenfalls keine Freiheit.
Ein Würfel ist nicht frei.
Willkür macht eine Entscheidung nicht stärker zu meiner.
Damit scheint jede einfache Fluchtrichtung zu scheitern.
Kommt die Entscheidung aus meiner Geschichte, ist sie geprägt.
Kommt sie aus einer Instanz außerhalb meiner erreichbaren Geschichte, entzieht sie sich meiner Mitwirkung.
Kommt sie aus dem Zufall, ist sie willkürlich.
Wo genau soll die Freiheit also sein?
Vielleicht suchen wir sie einfach an der falschen Stelle.
Der Raum zwischen Reiz und Reaktion
Ich habe an anderer Stelle schon den Gedanken aufgegriffen:
Freiheit liegt im Zwischenraum zwischen Reiz und Reaktion.
Das klingt schön.
Aber was soll dieser Zwischenraum eigentlich sein?
Ein kleines Loch in der Kausalkette?
Für eine halbe Sekunde gelten keine Ursachen mehr, damit irgendwo ein freier Wille hineinrutschen kann?
Das überzeugt mich inzwischen überhaupt nicht.
Vielleicht ist der Zwischenraum gar keine Lücke.
Vielleicht ist er eine zusätzliche Schleife.
Zunächst gibt es einen Reiz.
Dieser trifft auf ein bereits bestehendes Muster.
Aus diesem Muster entsteht eine Reaktion.
Jemand kritisiert mich.
Etwas zieht sich zusammen.
Ich verteidige mich.
Oder werde wütend.
Oder ziehe mich zurück.
Der konkrete Ablauf ist gar nicht entscheidend.
Wenn er oft genug stattgefunden hat, kann er so selbstverständlich werden, dass er nicht mehr wie ein Muster erscheint.
Er fühlt sich einfach an wie:
Ich.
Dann geschieht etwas Neues.
Ich erkenne ihn.
Nun folgt auf den Reiz nicht mehr einfach nur das Muster und darauf die Reaktion.
Zwischen Muster und Reaktion tritt die Wahrnehmung des eigenen Musters.
Das wirkt zunächst nach kaum einem Unterschied.
Es ist nur ein zusätzliches Glied.
Aber dieses zusätzliche Glied besitzt eine besondere Eigenschaft:
Das System reagiert plötzlich nicht mehr nur auf den ursprünglichen Reiz.
Es reagiert auch auf seine eigene beginnende Reaktion.
Das Muster wird auf sich selbst zurückgeführt.
Eine Rückkopplung entsteht.
Ich bemerke:
Da kommt das wieder.
Die ursprüngliche Bewegung ist dadurch nicht verschwunden.
Vielleicht zieht sie sogar unverändert stark.
Aber nun ist sie selbst zu Information geworden.
Das System besitzt zusätzlich zu seinem Muster eine Beziehung zu diesem Muster.
Vielleicht ist genau das dieser ominöse Zwischenraum.
Nicht Leere.
Nicht Ursachenlosigkeit.
Sondern:
zusätzliche Beziehung.
Freiheit wäre dann keine Lücke, sondern Rückkopplung
Das gefällt mir inzwischen wesentlich besser.
Freiheit wäre dann kein magischer Moment zwischen Reiz und Reaktion, in dem plötzlich etwas vollständig Ursachenloses entscheidet.
Stattdessen passiert etwas anderes:
Ein Reiz trifft auf ein Muster.
Das Muster wird wahrgenommen.
Diese Wahrnehmung wirkt auf das Muster zurück.
Und erst daraus entsteht die weitere Fortsetzung.
Ein Teil der eigenen Dynamik wird selbst wieder zum Input des Systems.
Und dadurch kann etwas geschehen, das vorher kaum möglich war:
Ich kann beobachten, wann dieses Muster auftritt.
Was ihm vorausgeht.
Welche Situationen es verstärken.
Wie es sich körperlich anfühlt.
Welche Geschichten ich mir in diesem Moment erzähle.
Was passiert, wenn ich sofort folge.
Was passiert, wenn ich für einen Moment nicht folge.
Welche anderen Fortsetzungen überhaupt existieren.
Die Freiheit liegt also vielleicht gar nicht darin, dass die nächste Entscheidung plötzlich keine Ursache mehr hat.
Die Freiheit liegt darin, dass die eigene Kausalität selbst zunehmend beobachtbar und damit veränderbar wird.
Nicht frei entscheiden, sondern den Entscheidenden verändern
Vielleicht liegt Freiheit deshalb weniger in der einzelnen Entscheidung als in der Veränderbarkeit des Systems, das entscheidet.
Heute trifft ein Impuls auf meine gegenwärtige Struktur.
Meine bisherige Geschichte macht bestimmte Reaktionen besonders leicht zugänglich.
Manche Muster liegen tief.
Andere flach.
Bestimmte Wege habe ich tausendmal benutzt.
Andere noch nie.
Aber meine Reaktion wird wiederum selbst zur Erfahrung.
Wenn ich sie erkenne, kann sie in neue Beziehungen treten.
Ich kann sie untersuchen.
Ich kann andere Antworten ausprobieren.
Ich kann meine Umgebung verändern.
Ich kann neue Erfahrungen machen.
Ich kann eine alte Erfahrung anders einordnen.
Dadurch verändert sich irgendwann auch meine eigene Struktur.
Beim nächsten ähnlichen Impuls trifft dasselbe Ereignis nicht mehr auf exakt dieselbe Struktur.
Vielleicht ist das die interessantere Freiheit:
Nicht in jedem Augenblick vollkommen frei entscheiden zu können, wer ich bin – sondern zunehmend daran mitzuwirken, wer bei der nächsten Entscheidung entscheidet.
Das ist wesentlich unspektakulärer als die Vorstellung eines völlig unabhängigen freien Willens.
Aber dafür kann ich damit etwas anfangen.
Die Landschaft
Ich stelle mir Muster inzwischen manchmal wie Landschaften vor.
Manche Wege sind kaum sichtbar.
Andere wurden so oft benutzt, dass tiefe Täler entstanden sind.
Ein Impuls setzt eine Kugel oben auf den Hang.
Und erstaunlich oft rollt sie in dasselbe Tal.
Man könnte versuchen, jedes einzelne Mal mit großer Willenskraft einzugreifen.
Nein.
Nicht wieder dorthin.
Stopp.
Andere Richtung.
Das funktioniert manchmal.
Aber es ist anstrengend.
Interessanter ist vielleicht eine andere Frage:
Kann sich die Landschaft selbst verändern?
Wenn ich einen anderen Weg häufiger gehe?
Wenn ich eine andere Reaktion übe?
Wenn ich bestimmte Situationen anders gestalte?
Wenn ich einen Zusammenhang erkenne, den ich vorher nicht gesehen habe?
Wenn eine alte Erfahrung eine neue Bedeutung bekommt?
Dann wird vielleicht ein anderes Tal tiefer.
Und irgendwann braucht es gar keine heroische Entscheidung mehr.
Was früher enorme Kontrolle erforderte, wird irgendwann selbstverständlich.
Lernen hätte dann nicht einfach eine einzelne Entscheidung verändert.
Es hätte verändert, welche Entscheidungen künftig überhaupt leicht zugänglich sind.
Das ist für mich inzwischen eine viel interessantere Form von Selbstbestimmung.
Und manchmal bleibt die Entscheidung äußerlich dieselbe
An dieser Stelle komme ich noch einmal zum Veganismus zurück.
Ich bin inzwischen seit ungefähr fünfzehn Jahren vegan.
Von außen betrachtet ist das erstaunlich langweilig.
Damals vegan.
Heute vegan.
Wenn nur das sichtbare Verhalten zählt, könnte man sagen:
Da hat sich offenbar nichts bewegt.
Für mich fühlt es sich trotzdem deutlich anders an.
Damals gehörte Veganismus irgendwann sehr stark zu meiner Identität.
Ich war Veganer.
Damit waren bestimmte Entscheidungen bereits getroffen.
Heute möchte ich die Richtung umdrehen.
Ich möchte nicht vegan leben, weil ich Veganer bin.
Ich bin vegan, weil ich die Gründe dafür weiterhin überzeugend finde.
Das ist äußerlich ein winziger Unterschied.
Innerlich halte ich ihn für ziemlich groß.
Natürlich beginne ich nicht jeden Morgen beim Frühstück bei null und arbeite mich durch Tierethik, Ökologie, Ernährungswissenschaft und sämtliche Gegenargumente, bevor ich entscheiden darf, was auf mein Brot kommt.
So könnte niemand leben.
Aber die Entscheidung soll grundsätzlich wieder geöffnet werden können.
Wenn ich morgen gute Gründe entdecke, meine Haltung zu verändern, möchte ich sie prüfen können.
Nicht weil Veränderung automatisch freier wäre.
Im Gegenteil.
Vielleicht prüfe ich etwas neu und lande wieder genau dort, wo ich vorher war.
Dann ist das äußere Ergebnis identisch.
Aber die Beziehung dazu ist eine andere.
Vielleicht ist Freiheit also nicht daran zu erkennen, dass man möglichst oft etwas anderes tut.
Manchmal besteht die freiere Entscheidung darin, nach erneuter Prüfung wieder dasselbe zu tun.
Das unterscheidet eine Gewohnheit von einer bewusst getragenen Form vielleicht nicht im Verhalten, sondern in ihrer Revidierbarkeit.
Eine Routine muss nicht unfrei sein, weil sie sich wiederholt.
Problematisch wird sie dort, wo ihre Wiederholung keiner Prüfung mehr zugänglich ist.
Vielleicht war meine Entengrütze deshalb drei Jahre lang weder moralisch gut noch schlecht.
Sie war nur erstaunlich stabil.
Bis mein Körper offenbar beschlossen hatte, den Antrag auf Revision selbst einzureichen.
Bewusstwerdung statt Kontrolle
Damit komme ich wieder zur Meditation.
Früher hätte ich vermutlich gesagt:
Meditation hilft mir, mich besser zu kontrollieren.
Heute glaube ich fast, dass diese Vorstellung das Interessante daran verfehlt.
Denn wer soll da eigentlich wen kontrollieren?
Sobald ich mir einen kleinen inneren Steuermann vorstelle, der meine Gedanken, Gefühle und Impulse im Griff behalten soll, habe ich das Problem nur verschoben. Auch dieser Steuermann wäre schließlich wieder Teil von mir – mit seiner eigenen Geschichte, seinen eigenen Mustern und seinen eigenen Vorstellungen davon, was gerade geschehen sollte.
Bewusstwerdung braucht diesen Steuermann nicht.
Sie fügt dem bestehenden Muster etwas anderes hinzu:
eine neue Beziehung.
Solange ich vollständig mit einem Muster mitschwimme, erscheint es mir nicht als Muster.
Es erscheint als Wirklichkeit.
Oder noch unmittelbarer:
als Ich.
Ich bin eben ungeduldig.
Ich brauche das jetzt.
Ich bin eben jemand, der so reagiert.
Ich mag das einfach nicht.
Erst wenn die Bewegung für einen Moment nicht automatisch fortgeführt wird, kann etwas anderes sichtbar werden:
Da ist Ungeduld.
Da ist gerade ein Wunsch.
Da ist Angst.
Da zieht etwas ziemlich stark in eine bestimmte Richtung.
Das Muster ist dadurch nicht verschwunden.
Und ich beherrsche es auch nicht plötzlich.
Aber seine Stellung im System hat sich verändert.
Zum Muster kommt eine Beziehung zu diesem Muster hinzu.
Ich reagiere nicht mehr nur.
Ich bemerke zunehmend, wie ich reagiere.
Und diese Wahrnehmung wird selbst wieder Teil dessen, was als Nächstes geschehen kann.
Vielleicht ist Bewusstwerdung genau das.
Keine Befreiung aus der eigenen Geschichte.
Keine Herrschaft über die eigene Dynamik.
Sondern eine zusätzliche Rückkopplung, durch die das eigene Muster für weitere Erfahrungen zugänglich wird.
Ich kann bemerken, wann es auftaucht.
Ich kann seine Richtung spüren.
Ich kann erleben, was geschieht, wenn ich ihm sofort folge.
Und was geschieht, wenn ich es einen Moment nicht tue.
Dadurch entsteht keine Kontrolle.
Es entsteht Beteiligung.
Vielleicht liegt genau darin der entscheidende Unterschied.
Bewusstwerdung erzeugt keine Kontrolle. Sie erzeugt Beteiligung.
Und vielleicht ist Freiheit deshalb ebenfalls weniger Kontrolle über die eigene Entwicklung als eine wachsende Beteiligung an ihr.
Ich saß still und schwamm trotzdem mit
Und natürlich bleibt die Ironie meiner eigenen Geschichte bestehen.
Während Meditation mir half, bestimmte Strömungen überhaupt wahrzunehmen, trieb ich auf einer anderen begeistert weiter.
Selbstoptimierung hatte schließlich ihre eigenen Strömungen.
Tägliche Praxis.
Disziplin.
Produktivität.
Fortschritt.
Noch eine Methode.
Noch etwas, das verbessert werden konnte.
Ich saß still und war gleichzeitig hervorragend darin, einem größeren Muster zu folgen.
Das finde ich heute aber gar nicht tragisch.
Eher beruhigend.
Denn vielleicht gibt es überhaupt keinen endgültigen Punkt, an dem wir außerhalb sämtlicher Strömungen stehen.
Jede Erkenntnis kann wieder zur Identität werden.
Jede Methode kann zum Ritual werden.
Jede Rebellion kann zur Gewohnheit werden.
Jede Befreiung kann irgendwann selbst anfangen, uns irgendwohin zu tragen, ohne dass wir ihre Richtung noch bemerken.
Vielleicht besteht Bewusstwerdung deshalb gar nicht darin, irgendwann das Wasser zu verlassen.
Wir sind selbst Teil davon.
Vielleicht geht es vielmehr darum, immer wieder die nächste Strömung zu erkennen.
Nicht um jede zu bekämpfen.
Das wäre genauso absurd.
Wir brauchen Muster.
Wir brauchen Gewohnheiten.
Wir brauchen Identität.
Wir brauchen Stabilität.
Ohne stabile Muster könnten wir vermutlich morgens nicht einmal eine Tasse Kaffee kochen, geschweige denn darüber nachdenken, ob wir einen freien Willen besitzen.
Die Frage ist deshalb vielleicht nicht:
Wie werde ich frei von meinen Mustern?
Sondern:
Welche Muster möchte ich so oft weiterführen, dass sie mich irgendwann von selbst tragen?
Und:
Welche tragen mich längst irgendwohin, ohne dass ich ihre Richtung überhaupt noch bemerke?
Vielleicht ist das die Freiheit, die mir heute plausibler erscheint.
Keine Freiheit von Ursachen.
Keine Freiheit von Geschichte.
Keine geheimnisvolle Instanz irgendwo außerhalb meiner selbst, die unabhängig von allem entscheidet.
Und keine Rettung durch Zufall.
Sondern ein System, das Beziehungen zu seinen eigenen Mustern bilden kann.
Das nicht nur reagiert, sondern irgendwann bemerkt, wie es reagiert.
Und das dadurch beginnen kann, an den Bedingungen seiner zukünftigen Reaktionen mitzuwirken.
Vielleicht ist Freiheit deshalb kein Besitz.
Kein Zustand, den man irgendwann erreicht.
Vielleicht ist sie eher eine Fähigkeit, die wachsen kann.
Je mehr eigene Bewegungen sichtbar werden, desto mehr können sie miteinander in Beziehung treten.
Je mehr Beziehungen entstehen, desto mehr zukünftige Fortsetzungen werden überhaupt zugänglich.
Meditation hat mir das nicht erklärt.
Sie hat mich nicht einmal gefragt, ob ich irgendetwas davon verstanden habe.
Ich habe mich hingesetzt, weil ich damals eben jemand war, der der Meinung war, dass man sich jeden Tag hinsetzen sollte.
Ich hatte eine Routine.
Ich hakte sie ab.
Und ausgerechnet dieses ziemlich unreflektiert aufgegriffene Muster half mir irgendwann dabei, unreflektierte Muster zu bemerken.
Darüber kann ich heute nur lachen.
Vielleicht ist das aber auch gar kein Widerspruch.
Vielleicht brauchen wir manchmal erst eine Strömung, die uns lange genug trägt, damit wir lernen können, Strömung überhaupt zu erkennen.
Und vielleicht beginnt freie Entfaltung deshalb nicht damit, endgültig zu bestimmen, wer man ist.
Sondern damit, immer wieder früh genug zu bemerken,
wer man gerade dabei ist zu werden.